Stellungnahme des Hessischen Landesdenkmalrates zum Projekt Paulskirche

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Die Paulskirche von außen
© Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Ch. Krienke, 2011

Der Hessische Landesdenkmalrat begrüßt und befürwortet einstimmig den von der Stadt Frankfurt am Main eingeschlagenen Weg, die Paulskirche in ihrer von Rudolf Schwarz unter Mitarbeit von Eugen Blanck, Gottlob Schaupp und Johannes Krahn geschaffenen Neugestaltung von 1947/48 zu erhalten, zu sanieren und behutsam weiterzuentwickeln.

Die aneignende Rekonstruktion der Paulskirche von 1948 war eine demonstrative Bezugnahme auf 1848, mit der die Nachkriegsgesellschaft sich in diese demokratische Tradition stellte und ein historisches Bewusstsein architektonisch formulierte. Dieses bauliche Vermächtnis ist von besonderer Relevanz nicht zuletzt auch, weil es ein gesamtdeutsches Unterfangen kurz vor der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands war.

Rudolf Schwarz hat für die zerstörte Paulskirche eine neue, monumentale und zugleich überaus zeitlose auratische Architektursprache gefunden, die die künstlerisch wie politische Bedeutung des Gebäudes repräsentiert. Dieses authentische bauliche Zeugnis gilt es als Ausdruck der deutschen Bau‐ und Kulturgeschichte der Nachkriegszeit ebenso wie auch der politischen Geschichte der Paulskirche unbedingt zu erhalten. Die Paulskirche ist ein Bau, der neben dem Berliner Reichstag wie kein anderes Bauwerk als Symbol für die Geschichte der Demokratie in Deutschland steht.

Eine konzeptuelle Herausforderung ist, dass bis 1948 nur ein Teil der Nachkriegskonzeption umgesetzt werden konnte. Mit den baulichen Maßnahmen insbesondere aus den 1980er Jahren wurde diese Konzeption nicht einfach nur vervollständigt, sondern zum Teil auch verändert, überschrieben und abgeschwächt. Insofern wird im Rahmen einer Sanierungskonzeption zu klären sein, wie mit den ab 1950 erfolgten Änderungen umgegangen werden soll und in wie weit diese evtl. rückgebaut oder ersetzt werden sollen.

Es ist sinnvoll, historische Vermittlung am Ort selbst anzubieten, doch die gegenwärtige Gestaltung (Wandvitrinen im Umgang unter dem Plenarsaal) stört die 1948 geschaffene Raumfolge, ist nicht mehr zeitgemäß und bedarf einer Neukonzeption.

Eine intensivere Nutzung der Räumlichkeiten der Paulskirche ist wünschenswert. Es sollte nicht nur repräsentativen Zwecken dienen, sondern auch für verschiedene Formen demokratischer Bildung und Praxis (etwa Schülerparlamente, MigrantInnenrat ) offen sein. Nicht angemessen erscheint hingegen, das Haus Kampagnen und Initiativen zu aktuellen Sachthemen zu Verfügung zu stellen. Es sollte ein Ort des Diskurses, nicht einseitiger Parteinahme sein.

Die Sanierung des Bauwerks kann nicht isoliert von der Ambition zu einem „Haus der Demokratie“ diskutiert werden. Beides hängt von einander ab, und für einzelne Funktionen des historischen Baus müssen Optionen der Auslagerung geprüft und geklärt werden. Kritisch zu hinterfragen wären allerdings Überlegungen, welche über unterstützende Funktionalität im Sinne von Besucherservice, Vermittlung oder haustechnische Anlagen hinausgehen.

Die Paulskirche ist das „Haus der Demokratie“ und sollte auch in Zukunft das zentrale öffentliche Gebäude hierzu sein. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Neubaupotenziale im Umfeld begrenzt sind. Eine Überbauung des nach dem Entwurf von ASPLAN (Johannes Strelitz) 1975 neu gestalteten Paulsplatzes wird aus denkmalpflegerischer und städtebaulicher Sicht kritisch gesehen. Der Platanenhain gibt der Paulskirche optisch Halt und Maß. Nach sieben Jahrzehnten bilden wiederaufgebaute Paulskirche und Paulspatz denkmalpflegerisch wie städtebaulich ein Ensemble. Am Rand des Platzes zur Berliner Straße wäre ein Gebäudevolumen begrenzter Größe denkbar, welches den Charakter des bestehenden Freiraums nicht beschädigt.

Raumpotenziale für die Auslagerung von Funktionen sind auch im Gebäudebestand vorhanden. Die frei werdenden Räume der jetzigen Kämmerei (Paulsplatz 9) könnten beispielsweise für ein Besucherzentrum genutzt werden, das sich stärker nach außen öffnet und eine direktere Kommunikation zum öffentlichen Stadtraum entfalten kann, als es für den Innenraum der Paulskirche möglich ist. Ohnehin befasst sich das unweit gelegene Historische Museum Frankfurt mit der Demokratiegeschichte und der Historie der Paulskirche.

Eine finanzielle Beteiligung des Bundes für die nötigen Investitionen zu Erhalt und Weiterentwicklung dieses national bedeutsamen Ortes ist zu begrüßen. Diese Beteiligung sollte aber auf die Beschlüsse des Frankfurter Stadtparlaments eingehen. Bei der Konkretisierung der Planung sollte die Federführung bei den verantwortlichen lokalen Instanzen verbleiben. Zudem sollte in die angekündigte Expertengruppe zur Paulskirche von Anfang an ein Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen als ständiges Mitglied miteinbezogen werden

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