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FR-Interview vom 31.05.2017

"Alle Beteiligten brauchen jetzt Klarheit"

Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein im Interview mit der Frankfurter Rundschau (erschienen am 31.5.2017).

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Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein im Gespräch mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert.
Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein im Gespräch mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert.
© wissenschaft.hessen.de

Herr Minister, die Bürgerinitiativen werfen dem Land beim geplanten Kulturcampus in Bockenheim schwere Versäumnisse vor. Das Land räume die benötigten Flächen des alten Universitäts-Campus nicht und blockiere so den dringenden Wohnungsbau.
Die Vorwürfe sind unberechtigt und sie beruhen aus meiner Sicht auf Missverständnissen und der Unkenntnis über die Situation an der Universität. Ich habe direkt nach meinem Amtsantritt als Wissenschaftsminister der Entstehung des Kulturcampus eine hohe Priorität eingeräumt und entschieden, dass von der zusätzlichen eine Milliarde Euro in unserem Hochschulbauprogramm 100 Mio. Euro für den Neubau der Hochschule für Musik und darstellende Kunst investiert werden. Und zwar in Frankfurt, bewusst am Standort Bockenheim, was keine Selbstverständlichkeit war, weil viele andere geeignete und reizvolle Optionen, auch außerhalb der Stadt, im Gespräch waren.
 
Es gab ja mal die Überlegung, mit der neuen Hochschule auf die Offenbacher Hafenmole zu gehen.
Ganz genau. Aber die schwarz-grüne Koalition hat sich entschieden, Hochschulen nicht nur funktionale Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen, sondern Stadt- und Standortentwicklung zu betreiben – und so wird die Idee des Kulturcampus mit dem Neubau der HfMdK als Nukleus und der Neubau der HfG auf der Hafenmole in Offenbach als Kreativzentrum für weitere 100 Millionen Euro möglich.
 
Als Sie 2015 den Neubau bekanntgaben, war der Standort auf dem Kulturcampus noch unklar. Hat das Ministerium die Planung inzwischen weiter getrieben?
Ja. Von Stillstand kann also keineswegs die Rede sein. Wir haben inzwischen in den Universitätsstandort Frankfurt rund 800 Millionen Euro investiert inklusive der Naturwissenschaften auf dem Riedberg. Wir investieren 90 Millionen Euro in den Ausbau von Senckenberg als weiteren Baustein auf dem Kulturcampus, vom Bund kommen weitere 47 Millionen Euro. Für den Umzug der HfMdK nach Bockenheim gibt es allerdings eine wichtige Voraussetzung: Die Mathematik und die Informatik, die Kulturwissenschaften und andere Fachbereiche müssen von Bockenheim auf den neuen Campus Westend und auf den Riedberg umgezogen sein. Das wird nach derzeitigem Stand im Jahre 2021/2022 geschehen sein.
 
Warum hat sich der Umzug, der ursprünglich 2017 geplant war, so verzögert?
Das ist einfach zu erklären. Der ursprüngliche Zeitplan, der 2005 aufgestellt worden war, besagte: Im Jahre 2017/2018 verlässt die Universität den alten Campus Bockenheim, wo sich mit der  Unibibliothek, der Kunstpädagogik, den Mathematikern, dem Institut für Informatik, den Hörsälen I bis VI, dem Studierendenhaus und mit der alten Mensa nach wie vor eine Menge an hochschulischer Infrastruktur befindet. Nur hat sich in der Zwischenzeit seit 2005 ein damals nicht vorhersehbarer massiver Aufwuchs der Studierendenzahl ereignet.
 
Wir sind jetzt bei 50 000 Studierenden. 
 Ja. Wir sind jetzt bei fast 50 000. Und 2005 waren wir bei 34 500. Das heißt, fast 15000 Studierende mehr. Die Universität Frankfurt ist damit die viertgrößte in Deutschland und der Campus Bockenheim leistet heute einen ganz wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Universitätsbetriebes. Das ist es, was meines Erachtens heute in der Diskussion aus Unkenntnis zu wenig berücksichtigt wird. Und das ist der Grund, warum ich davor warne, dass in den Diskussionen Bildung und Wohnen gegeneinander ausgespielt werden.

Das heißt, der Umzug der Universität verschiebt sich um vier Jahre.
Das ist aufgrund der erheblichen Aufwüchse der Studierendenzahlen zu befürchten. Allerdings war auch von Anfang an klar, dass die 100 Millionen Euro zusätzlich von Heureka II für den Bau der neuen Hochschule ohnehin erst ab 2021 zur Verfügung stehen. Das heißt: Das Land hat seine Hausaufgaben gemacht.  Wir stellen das Geld zur Verfügung und wir haben die Planungsarbeiten angepackt.

Die Hochschule hatte selbst schon einmal ein vorläufiges Raumprogramm vorgelegt. Wie sieht es jetzt endgültig aus?
Wir gehen von einer Bruttogeschossfläche von rund 30 000 Quadratmetern aus. Unser Raumprogramm liegt vor. Ich plädiere sehr nachhaltig dafür, dass die Stadt und das Land jetzt eine gemeinsame Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. Das können wir noch in diesem Jahr tun. 2018 kann dann der Architektenwettbewerb stattfinden.
 
Es wird die Fläche des Juridicums in Anspruch genommen?
Diese Fläche ist eine geeignete Option, aber um das festzustellen, sollten wir eine Machbarkeitsstudie noch in diesem Jahr beauftragen. Baubeginn für die neue Hochschule könnte dann im Jahr 2020/2021 sein.
 
Das Land wäre bereit zu einer integrierten Lösung mit den städtischen Kultureinrichtungen, die im Zentrum für ästhetische Avantgarde zusammengefasst werden sollen. Das heißt, die Stadt muss sich jetzt entscheiden, ob sie dieses Zentrum bauen möchte?
Diese Frage muss die Stadt beantworten. Ich erlebe eine sehr kompetente und konstruktive Zusammenarbeit mit der Stadt bei dem Thema.
 
Aber es gibt noch keine Entscheidung seitens der Stadt? 
Ich gehe davon aus, dass die Stadt in diesem Jahr zu einer Entscheidung kommt.
 
Eine integrierte Lösung hieße ein gemeinsamer Campus für die neue Hochschule und die Kultureinrichtungen, die zum Zentrum für ästhetische Avantgarde gehören sollen, also etwa das Ensemble Modern, die Junge Philharmonie, das Frankfurt LAB und viele mehr? 
Ja, das wäre das wünschenswerte Ziel. Nur so entwickelt der Kulturcampus die nötige Strahlkraft.
 
Das Land Hessen braucht also noch 2017 eine politische Entscheidung der Römer-Koalition?
Alle Beteiligten brauchen jetzt Klarheit und alle Beteiligten wissen und müssen wissen, dass ein Zentrum der ästhetischen Avantgarde Geld kostet, aber es wäre eine zentrale Entscheidung für die Kulturstadt Frankfurt von ähnlicher Bedeutung wie das Museumsufer es war.