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FR-Interview vom 09.06.2015

"Es gibt keinen Akademisierungswahn"

Wissenschaftsminister Boris Rhein im Interview mit der Frankfurter Rundschau (erschienen am 09.06.2015)

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Kunst- und Kulturminister Boris Rhein
© kunst.hessen.de

Frage: Herr Rhein, jedes Jahr fangen mehr junge Leute zu studieren an. Will die Landesregierung, dass diese Zahl steigt, bis es kracht?

Antwort: So sehr der überproportionale Anstieg der Studierendenzahlen in Hessen eine Herausforderung darstellt, ist das auch eine Auszeichnung für die hessischen Hochschulen. Sie treffen mit einer attraktiven Gestaltung von Studiengängen offensichtlich den Nerv. Und sie meistern aus meiner Sicht sehr erfolgreich den Andrang an Studierenden. Dabei unterstützen wir sie über den Hochschulpakt mit neun Milliarden Euro in fünf Jahren. Das ist so viel wie nie zuvor.

Frage: Wäre es nicht besser, wenn sich mehr etwa für eine duale Ausbildung entscheiden würden?

Antwort: Für die Landesregierung hat  berufliche Bildung und akademische Ausbildung den gleichen Stellenwert. Deswegen tun wir viel dafür, dass eine größere Durchlässigkeit vorhanden ist. Aber es bleibt eine Entscheidung, die junge Menschen mit den Füßen und mit dem Kopf treffen. Die kann ein Staat nicht beeinflussen. Wir werden keine Bildungslenkung in das eine oder andere Bildungssystem unternehmen. Im Übrigen nimmt der Markt die Akademiker auf. Es gibt keinen Akademisierungswahn. Eines unserer Ziele ist, dass die Fachhochschulen in Zukunft mehr Studierende aufnehmen. Die Fachhochschulen sind dazu willens und in der Lage.

Frage: Wie viele Studierende sollen an die Fachhochschulen gehen?

Antwort: Mein Ziel ist, dass es rund 40 Prozent der Studierenden im Erstsemester werden. Heute sind es rund 30 Prozent Die Fachhochschulen betreiben  mittlerweile  nicht nur Lehre , sondern  erzielen auch hervorragende Ergebnisse in der Forschung. Deswegen haben wir  für sie erstmals einen Forschungsetat geschaffen und   deshalb billigen wir ihnen auch das Promotionsrecht in den forschungsstarken  Bereichen zu.

Frage: Daran sind aber hohe Hürden geknüpft. Wird die Gesetzesänderung, die Sie anstreben, wirklich umgesetzt?

Antwort: Mir fallen viele Bereiche bei den Fachhochschulen ein, die es heute schon ohne unsere Regelung könnten, die aber daran scheitern, dass an manchen Universitäten die Bereitschaft zur Kooperation fehlt...

Frage: …die bisher erforderlich ist, wenn Studierende einer Fachhochschule promoviert werden wollen.

Antwort: Richtig. Bisher finden sich aber nicht immer  Unis, die dazu bereit sind. Ich sage ganz deutlich: Das ärgert mich. Deswegen ändern wir das. Die Regelung wird eine starke Auswirkung haben. Die Fachhochschulen werden nicht mehr auf die Bereitschaft von Universitäten oder einzelnen Fachbereichen angewiesen sein. Sie können die Bedingungen direkt mit  dem Ministerium klären.

Frage: Bedeutet Ihr Engagement für die Fachhochschulen auch, dass Sie einen größeren Praxisbezug im Studium fördern wollen?

Antwort: Ganz genau. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Politik.

Frage: Wird dadurch das Verhältnis zu den Unternehmen enger?

Antwort: Auf alle Fälle. Die Kooperationen zwischen Fachhochschulen und der Wirtschaft werden immer stärker. Ich achte auch darauf, wenn wir Hochschulräte besetzen, dass dort Leute aus der Wirtschaft sitzen, die ihr Wissen einbringen können. An der Fachhochschule Frankfurt war es mein dringender Wunsch, dass der hessische Handwerkspräsident Bernd Ehinger in den Hochschulrat gegangen ist. Alleine durch diese personellen Verknüpfungen entstehen Verbindungen zu den Kammern, zu den IHKs, zu den Unternehmen.

Frage: Sehen Sie keine Gefahr darin, dass sich die Wissenschaft den Wünschen der Wirtschaft unterordnet?

Antwort: Die Wissenschaft ist selbstbewusst genug, sich niemandem unterzuordnen – schon gar nicht irgendwelchen Marktinteressen. Die Hochschulen wissen aber genauso, dass sie von Kooperationen mit der Wirtschaft sehr wohl profitieren können – mit Abhängigkeit hat das allerdings nichts zu tun. . Für mich  ist es eine Mär, dass Drittmittel dazu führen, dass irgendein Unternehmen Einfluss nimmt auf die Politik einer Hochschule. Die übergroßen Drittmittel-Anteile sind staatlich – Mittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder Mittel aus unserem Forschungsförderprogramm LOEWE etwa. Das sind die großen Batzen in der Drittmittel-Forschung.

Frage: Fachhochschulen haben aus Sicht der Politik auch den Vorteil, dass sie kostengünstiger sind, oder?

Antwort: In der Tat. Die Fachhochschulen haben einen anderen Clusterpreis. Das ist aus meiner Sicht aber nicht der ausschlaggebende Grund dafür, Fachhochschulen zu fördern.

Frage: Die Situation von wissenschaftlichen Mitarbeitern ist unbefriedigend. Was wollen Sie tun für den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Antwort: Das Befristungswesen liegt in der Natur des Wissenschaftsbetriebs.  Viele Projekte sind zeitlich begrenzt, zum Beispiel Promotions- und Drittmittel-Projekte. Ich kritisiere aber, dass die Befristungen überhandnehmen.  Vieles von dem, was hier passiert ist, ist nicht in Ordnung gewesen. Deswegen haben wir im Hochschulpakt vereinbart: Die so genannten QSL-Mittel, also der Ersatz für die Studiengebühren, werden zur Schaffung von unbefristeten Stellen eingesetzt. Wir reden dabei von 92 Millionen Euro die die Landesregierung pro Jahr dazugibt.

Frage: Was tun Sie noch?

Antwort: Ein wichtiger Schritt ist, dass wir so genannte Tenure-Track-Stellen einführen. Das bedeutet, dass jemand die klare Zusage bekommt, nach einer Erprobungsphase eine Professur übernehmen zu können. Das ist für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein großer Schritt, den das Land Hessen möglich macht.

Frage: Wobei die Erprobungsphase immerhin sechs Jahre beträgt!

Antwort: In der Tat, wir ermöglichen langfristig angelegte Karriereoptionen – allerdings ist für den Aufstieg die Leistung ausschlaggebend, in Forschung, Lehre und akademischen Engagement.

Frage: Die Landesmittel sowie Tenure-Track-Professuren werden nicht ausreichen, um die hohe Zahl an befristeten Stellen im Unibereich zu senken. Gerade im Mittelbau müsste es mehr planbare Karrieren unterhalb der Professur geben.

Antwort: Über die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen hinaus würde ich hierbei als Staat ungern in die Hochschulautonomie eingreifen. Das müssen die Hochschulen schon für sich selbst entscheiden, welchen Weg sie in dem vom Land vorgegebenen Rahmen einschlagen. Mittelfristig wird sich die Befristungspraxis aber verändern. Auf Dauer können Mitarbeiter nicht mit dem Versprechen auf eine Festanstellung hingehalten werden. Die Diskussion, die wir heute führen, trägt dazu bei, dass Hochschulen gute Köpfe zunehmend nur an sich binden können, wenn sie ihnen auch ordentliche Perspektiven anbieten.

Frage: Dass Hessen seinen Hochschulen eine so große Autonomie einräumt, ist lobenswert. In diesem Fall zahlt sich die Autonomie für Unimitarbeiter jedoch nicht aus. Den Unis fehlt das Geld, um den Studierendenandrang mit festangestellten Lehrpersonal aufzufangen.

Antwort: Manchmal habe ich den Eindruck Autonomie ist  solange gut, solange alles reibungslos läuft. Gibt es aber mal Probleme soll der Minister eingreifen. Das funktioniert so aber nicht, denn die Autonomie würde am Ende schleichend in vielen Punkten eingeschränkt werden. In Hessen hat  aber gerade die Autonomie dazu geführt, dass die Hochschulen zusammen mit Bayern und Baden-Württemberg den Sprung an die Spitze unseres Wissenschaftssystems geschafft haben.

Frage: Jede Hochschulen soll selbst festlegen, was ihr die Mitarbeiter wert sind?

Antwort: Die Bezahlung der wissenschaftlichen Mitarbeiter ist in Hessen vollkommen unterschiedlich. Das reicht von 11 bis 19 Euro und dazwischen reihen sich die anderen Hochschulen ein. Das zeigt deutlich, dass die Hochschulen sehr frei sind, um die Besten anzuwerben und dabei auch  auf regionale Gegebenheiten eingehen können. Auch bundesweit gibt es kein einheitliches Entlohnungsmodell. Aber die Hochschulen sind gut beraten, wenn sie ihre Mitarbeiter ordentlich  bezahlen und ihnen gute Perspektiven bieten.

Frage: Mit dem neuen Hochschulgesetz wollen Sie die Mitbestimmung innerhalb der Hochschulen verbessern?

Antwort: Das neue Gesetz bringt uns einen Riesenschritt weiter, was die Mitsprache der Gremien anbelangt. So wirkt künftig der Senat der Hochschule  gleichberechtigt bei der Wahl eines neuen Präsidenten mit. In Finanzfragen teilen sich künftig Hochschulrat und Senat die Verantwortung. Lehnen beide die Budgetplanungen des Präsidiums ab, muss darüber neu verhandelt werden. Dabei erlebe ich die vom Präsidium und dem Land berufenen Hochschulräte als durchaus  engagiert.

Frage: Warum bekommen die Hochschulräte so viel Macht? Schließlich repräsentiert der demokratisch gewählte Senat alle Statusgruppen der Hochschule. Beim Hochschulrat handelt es sich um externe Personen, oft aus der Wirtschaft.

Antwort: Auch die Hochschulräte haben eine eigene Rolle im System als beratendes Gremium. In den Hochschulräten sitzen nicht nur Wirtschaftsleute und sie sind keineswegs die ausführenden Organe des Präsidiums oder des Ministeriums. Die Hochschulräte sind genauso demokratisch legitimiert. Künftig wird es mehr Dynamik und mehr befruchtende Diskussionen zwischen dem Senat und dem Hochschulrat geben.

Frage: Welche Rolle spielen die Studierendenvertreter dabei?

Antwort: Sehr positiv finde ich, dass die Studierenden über den Senat künftig an der Wahl des Präsidenten mitwirken können. Künftig müssen Studierende zudem zu  Satzungen und Ordnungen angehört werden. Die einen sagen, das sei zu wenig Mitsprachemöglichkeit, den anderen geht das schon zu weit. Das zeigt mir, dass wir genau den richtigen Mittelweg gefunden haben. Zur Dynamik trägt sicherlich auch bei, dass Studierende erstmalig ein Antragsrecht zum Budget der Uni bekommen werden.

Frage: In vielen Unistädten, besonders in Frankfurt, mangelt es an bezahlbaren Wohnraum für Studierende. Kann das Land nicht mehr tun, um die Wohnungsnot zu bekämpfen?

Antwort: Das Land fördert in seiner Wohnungsbaupolitik neuerdings Studierendenunterkünfte. Wohnungsbauunternehmen und die Studentenwerke  bekommen für entsprechende Bauprojekte zinsgünstige Darlehen oder auch Zuschüsse. Vom Wissenschaftsministerium haben die Studentenwerke zuletzt ein erhebliches Plus bekommen. Aufgrund ihrer verbesserten Finanzsituation in Verbindung mit dem neuen Förderinstrument des Bauministeriums, können sich die Studentenwerke daher verstärkt für den Bau von Wohnraum engagieren. Das wird im Rhein-Main-Gebiet zu einer Entspannung führen, wenngleich damit der große Studierendenansturm nicht bewältigt werden kann. Da setzen wir auf den freien Markt und das neue Förderprogramm. .

Frage: Stichwort: Kulturcampus. Sehnsüchtig wird hier eine Entscheidung erwartet, wann die Frankfurter Unibibliothek aus Bockenheim auf den Campus Westend umzieht und damit Platz macht für die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst an diesem Standort.

Antwort: Das ist eine Entscheidung, die insbesondere die Universität Frankfurt treffen muss. Derzeit stecken wir mitten in den Vorbereitungen für die Verhandlungen  mit den 13 hessischen Hochschulen über die Frage , auf welche Bauprojekte in den kommenden Jahren insgesamt eine Milliarde Euro verteilt wird. Da muss dann jeder seine Prioritäten setzen. Und natürlich haben neben der Goethe-Universität auch die anderen Hochschulen Bedarf. Ganz klar braucht aber die Musikhochschule unabhängig vom Standort räumliche Perspektiven, da sie aus allen Nähten platzt. Im Übrigen hat das Land in den Kulturcampus bisher mit dem Ausbau von Senckenberg so viel investiert wie niemand sonst. Insgesamt mehr als 90 Millionen Euro.

Die Fragen stellten Pitt von Bebenburg und Franziska Schubert.

Zur Person: Boris Rhein (43) ist seit 2014 Minister für Wissenschaft und Kunst (CDU) in Hessen. Zuvor war er Innenminister und lange in der Frankfurter Stadtpolitik aktiv. Rhein ist verheiratet und hat zwei Kinder. An der Frankfurter Goethe-Uni  studierte Boris Rhein von 1991 bis 1997 Rechtswissenschaften. An seine eigenen Studienzeit erinnert er sich lebhaft: „Bei meiner ersten Vorlesung im Hörsaal V der Frankfurter Uni im Jahr 1991 mit Rudolf Steinberg, dem späteren Unipräsidenten, ist die Hochschule übergequollen. Die Leute saßen draußen, die Leute saßen auf den Treppen, die Vorlesung wurde via Bildschirm übertragen. Ich sah, wie Rudolf Steinberg irgendwann bis zu den Knien in Papierfliegern versank. Das zeigt, wie groß die Unzufriedenheit war – nicht mit Steinberg, sondern mit der Studiensituation.“

Erschienen in der Frankfurter Rundschau am 9. Juni 2015. Die Fragen stellten Pitt von Bebenbug und Franziska Schubert.
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