Startseite Presse Interviews "Fälle von Standesdünkel an Universitäten ärgern mich"
FAZ-Interview vom 07.07.2015

"Fälle von Standesdünkel an Universitäten ärgern mich"

Wissenschaftsminister Boris Rhein im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (erschienen am 07.07.2015)

20150701_itv_faz_zoske_rhein_web2.jpg

Wissenschaftsminister Boris Rhein im Gespräch mit FAZ-Redakteur Sascha Zoske.
Wissenschaftsminister Boris Rhein im Gespräch mit FAZ-Redakteur Sascha Zoske.
© wissenschaft.hessen.de

Frage: Ihr Vor-Vorgänger Udo Corts ist während der Proteste gegen die Studiengebühren heftig attackiert worden. Verglichen damit sind Sie bisher glimpflich davongekommen: An der Uni Frankfurt hat man Sie nur mit Konfetti beworfen. Sind Sie froh, ihr Amt in einer hochschulpolitisch ruhigen Zeit auszuüben?

Antwort: Die Landesregierung hat mit einer großen Kraftanstrengung  ja auch die Grundlagen dafür geschaffen , dass an den Hochschulen insgesamt eine hohe Zufriedenheit herrscht. Wir investieren dort in den nächsten fünf Jahren neun Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor. Wir treiben die Bauprojekte voran, und wir tun viel für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Frage: Zumindest linke Studentenvertreter scheinen diese Zufriedenheit  nicht zu empfinden – das hat ja der Protest gegen Sie in Frankfurt gezeigt. Aber auch mit diesen Leuten müssen Sie als Minister reden.

Antwort: Man sollte nicht Lautstärke mit Mehrheit verwechseln…

Frage: ...aber sie sind nun einmal die gewählten Vertreter.

Antwort: Wenn ich mit Studierenden rede, nehme ich wahr, dass viele mit der Situation an den Hochschulen zufrieden sind. Als ich angefangen habe zu studieren, haben wir auf Treppen gesessen, weil die Hörsäle so überfüllt waren. Auch der bauliche Zustand und die Ausstattung waren viel schlechter. Es liegen Galaxien zwischen den Zuständen, die ich damals erlebt habe, und dem, was die Hochschulen den Studierenden heute bieten.

Frage: Wie oft haben Sie als Minister Kontakt zu gewöhnlichen Studenten?

Antwort: Ich habe glücklicherweise ein funktionierendes soziales Umfeld, in dem der eine oder andere studierende Kinder hat. Auch durch Kontakte im Wahlkreis erfahre ich, was Studierende bewegt. Darüber hinaus suche ich  beispielsweise das Gespräch mit Fachschaften an Hochschulen, um ungefilterte Informationen zu bekommen.

Frage: Für die jetzt im Landtag eingebrachte Novelle des Hochschulgesetzes konnten auch Studentenvertreter Vorschläge machen. Welche davon finden sich in dem Gesetzentwurf wieder?

Antwort: Wir haben Ideen zur besseren Studienorientierung, zum erleichterten Hochschulwechsel und zur Beweislast-Umkehr bei der Anrechnung von Scheinen aufgenommen. Der Gesetzesentwurf zielt vor allem auf eine Stärkung der gemeinsamen Verantwortung der Hochschulgremien, das heißt die gewählten Gremien erhalten mehr Mitsprachemöglichkeiten. So wird der Senat, der einschließlich der Vertretungmitglieder die Präsidentin oder den Präsidenten wählt, künftig neben dem Hochschulrat gleichberechtigt an der Vorauswahl der Kandidaten beteiligt sein. Außerdem wird er ein Vetorecht in Finanzfragen haben. Die Studierenden müssen künftig auch zu Satzungen und Ordnungen gehört werden, und sie erhalten ein Antragsrecht zum Hochschulbudget.

Frage: Mit der Novelle wird eine neue Personalkategorie eingeführt: der „Professor mit Entwicklungszusage“. Gewerkschaftsvertreter fürchten, das Land wolle damit nur Geld sparen. Stimmt das?

Antwort: Diese Neuregelung ist ein Beitrag zum Wettbewerb um die klügsten Köpfe. Wir bieten damit jungen Wissenschaftlern berechenbare Perspektiven. Sie können sich sechs Jahre lang erproben, und wenn sie erfolgreich sind, bekommen sie dauerhaft eine  Professur übertragen.

Frage: Und ist dieses Modell kostenneutral?

Antwort: Das Modell ist vor allem die Zusage der Übertragung einer Professur mit höherer Besoldung und deswegen alles andere als ein Sparmodell.

Frage: Studentenvertreter stören sich daran, dass laut Gesetzentwurf künftig die Aufwandsentschädigung für AStA-Referenten öffentlich gemacht werden sollen. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Antwort: Keineswegs, denn hier geht es um Transparenz. Studierende, die eine Pflichtabgabe  an ihre Vertretung zahlen, haben ein Recht darauf zu erfahren, wofür ihr  Geld verwendet wird.

Frage: Was manchem Universitätspräsidenten an der Novelle missfallen dürfte, ist die Aufwertung der Fachhochschulen. Sie heißen künftig „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ und können dort, wo sie forschungsstark sind, das Promotionsrecht bekommen. Ist das nicht zuviel Gleichmacherei?

Antwort: Es ist in der Tat ein Ziel der Novelle, die Fachhochschulen zu stärken. Das Promotionsrecht für forschungsstarke Fachhochschulbereiche ist eine logische Konsequenz.  Es geht darum Forschungsarbeiten zu honorieren, die qualitativ keinen Deut hinter dem von Absolventen der Universitäten zurückliegen.

Frage: Wer legt denn fest, was „forschungsstark“ bedeutet?

Antwort: Das Ministerium prüft die Vorschläge der Fachhochschulen und erkennt das Promotionsrecht durch einen besonderen Verwaltungsakt zu. Wir setzen dabei klar auf Klasse statt Masse.

Frage: Wäre uns das Promotionsrecht für Fachhochschulen erspart geblieben, wenn die Universitäten bei Doktorarbeiten öfter mit ihnen kooperiert hätten?

Antwort: Auf vielen Feldern haben Fachhochschulen und Universitäten sehr gut zusammengearbeitet, aber es gab auch Fälle, in denen Universitäten sich dem aus Standesdünkel verschlossen haben. Das ärgert mich. Möglicherweise wäre die Forderung aus den Fachhochschulen gar nicht gekommen wenn alle Universitäten kooperativ gewesen wären.

Frage: Skeptische Stimmen aus den Universitäten gab es auch zur geplanten Erleichterung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte. Sie, Herr Rhein, haben gesagt, die Ausbildungsnote Drei könne für die Zulassung reichen. Die Frankfurter Uni-Präsidentin meint, dies entwerte das Abitur. Können Sie Frau Wolffs Sorge verstehen?

Antwort: Nein,und ich habe auch schon ganz andere Aussagen dazu gelesen. Alle Hochschulen sind gut beraten, sich für Menschen mit Berufsabschluss zu öffnen. Das ist eine sehr bildungsaffine Klientel mit einer hohen Motivation.  Ich sehe nicht, dass jemand mit einer anspruchsvollen Ausbildung, für die er einiges leisten musste,  weniger qualifiziert sein soll als ein Bewerber mit Abitur. Wir brauchen mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung und weniger Sackgassenschilder. Das fordert übrigens auch der Wissenschaftsrat.

Frage: Aber soll denn wirklich ein „befriedigend“ im Ausbildungszeugnis genügen, um eine Uni zu besuchen?

Antwort: Ich habe in der Plenardebatte zum Hochschulgesetz gesagt, dass die Verordnung zur Zulassung gemeinsam mit den Kammern, dem Unternehmerverband, der Gewerkschaft, aber auch mit den Hochschulen erarbeitet wird. Und ich habe gesagt, dass eine Drei die Mindestvoraussetzung ist. Die Leistung muss also klar überdurchschnittlich sein.

Frage: Eine weitere Neuerung im Hochschulgesetz wird die Stärkung des Tierschutzes sein. Tierversuche sollen nur erlaubt sein, wenn es keine Alternativen gibt. Das  steht aber schon im Tierschutzgesetz. Wozu  die Doppelung?

Antwort: In der Forschung und somit auch an Hochschulen wird  mit Tieren experimentiert. Deswegen ist es richtig, das auch im Hochschulgesetz zu berücksichtigen. Damit wollen wir einen fairen Interessensausgleich für  die schwierige Abwägung zwischen den Erfordernissen der Grundlagenforschung und dem Tierschutz schaffen. Im Koalitionsvertrag von CDU und Grünen ist auch festgelegt, dass Hessen die Einrichtung von Professuren fördert, die sich mit der  Ersetzung, der Reduzierung der Anzahl und der Minderung der Belastung der Tiere befassen. Wir führen hierzu derzeit  Verhandlungen mit den Universitäten Gießen und Frankfurt.

Frage: Dass das im Koalitionsvertrag steht, ist den Grünen zu verdanken, oder?

Antwort: In einem Koalitionsvertrag muss sich jeder wiederfinden. Die Vereinbarung ist sowohl für Grüne als auch für Christdemokraten vertretbar. Sie stellt sicher, dass Forschung nicht behindert, sondern durch neue Verfahren möglicherweise sogar optimiert wird.

Frage: Das sehen einige Leute an den Universitäten aber anders. Sie fürchten, dass durch die neuen Dokumentations- und Berichtspflichten noch mehr Bürokratie auf sie zukommt.

Antwort: Der Aufwand wird vertretbar sein,  zumal es ja schon jetzt entsprechende Dokumentationsvorschriften gibt.  Im Übrigen kann mehr Transparenz ja auch dazu beitragen  das Thema  zu entmystifizieren und deutlich zu machen, dass deutsche Hochschulen  sehr verantwortungsvoll mit Tierversuchen umgehen.

Frage: Haben Sie mit der Gesetzes-Neufassung und dem schon beschlossenen Hochschulpakt Ihre hochschulpolitische Agenda für diese Legislaturperiode abgearbeitet – oder kommt da noch etwas?

Antwort: Wir haben noch sehr viel vor. Derzeit verhandeln wir mit den 13 Hochschulen des Landes über individuelle Zielvereinbarungen. Mit Hochdruck widmen wir uns auch den Bauprojekten, die durch das Programm Heureka II finanziert werden sollen. Dafür stellen wir  eine Milliarde Euro bereit. Und es stehen  noch weitere Themen der Hochschulentwicklung auf der Agenda.

Frage: Nämlich?

Antwort: Zum Beispiel, wie wir Spitzenforschung weiter fördern. Mein Ziel ist es,  Hessen zu dem europäischen Leistungszentrum für IT-Sicherheit auszubauen. Die TU Darmstadt, die Hochschule Darmstadt und das Fraunhofer-Institut leisten schon jetzt Großes auf diesem Gebiet.

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 7. Juli 2015. Die Fragen stellte Sascha Zoske.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

Schließen