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FAZ-Interview vom 03.05.2018

"Wir können für Frankfurt etwas Großes erreichen"

Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erschienen am 3. Mai 2018.

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Wissenschafts- und Kunstminister Boris Rhein
© HMWK
Wie haben wir uns den Kulturcampus im Jahr 2030 vorzustellen?
Wir werden dort ein bunt gemischtes, kulturell geprägtes Quartier haben. Analog zum Museumsufer als Heimat der bildenden Künste wird der Kulturcampus die Heimat der darstellenden Künste sein. Mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst als Nukleus und dem Ensemble Modern, der Jungen Deutschen Philharmonie und vielen anderen Institutionen. Gemeinsam werden sie einen Ort schaffen, der weit über die Grenzen Frankfurts und Hessens hinausstrahlt. Eine solche Chance muss man ergreifen. Wir können für Frankfurt etwas ganz Großes erreichen und würden uns in 20 Jahren furchtbar ärgern, wenn wir diese Chance nicht ergriffen hätten.
 
Der Umzug der städtischen Kulturinstitute auf den Campus ist nicht gesichert. Nun ist er auch als Ausweichquartier für die Sanierung der Städtischen Bühnen im Gespräch. Haben Sie den Eindruck, dass die Stadt weiß, was sie will?
Es erleichtert das Verfahren nicht, immer wieder neue Ideen in die Welt zu setzen. Wir sollten uns auf eine Idee konzentrieren. Und es gibt für den Kulturcampus einen klaren Plan. Wir müssen jetzt unverrückbare Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Kulturcampus realisiert werden kann. Doch dafür müssen ein paar Bedingungen erfüllt sein.
 
Welche?
Es muss klar definiert sein, welche Institutionen auf den Kulturcampus kommen. Das hat das Land für sich vollständig geklärt. Der Anker ist die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Das war auch immer die Bedingung der Stadt Frankfurt: Nur wenn die Musikhochschule gebaut wird, ziehen auch die städtischen Institute nach Bockenheim um. Für den Neubau der Hochschule stehen 100 Millionen Euro bereit. Von dem gemeinsam mit dem Bund finanzierten Ausbau des Senckenberg-Forschungsinstituts trägt allein 70 Millionen Euro das Land. Die Sanierung und Umnutzung der denkmalgeschützten Pharmazie zum Forschungszentrum kostete 21 Millionen Euro. In den Umzug des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik auf das Gelände der Dondorfschen Druckerei investiert das Land über 40 Millionen Euro. Das heißt: Die zweite Voraussetzung, dass das Geld zur Verfügung gestellt wird, hat das Land auch erfüllt. 
 
Was steht noch aus?
Drittens muss es eine Machbarkeitsstudie für die Musikhochschule und das damit zusammenhängende „Zentrum der Künste“ mit den städtischen Instituten geben, um zu wissen, was in welchem Umfang wohin kommt. Das Land hat schon viel getan, mit einem erheblichen finanziellen Kraftakt. Die Stadt muss sich nun entscheiden: Will sie den Kulturcampus oder nicht? Das muss die Stadt klären, damit wir den Zug auch aufs Gleis setzen können.
 
Ist der Zug schon abgefahren oder kann die Stadt noch aufspringen?
Ich habe die Machbarkeitsstudie am 13.4. beim Landesbetrieb Bau und Immobilien in Auftrag gegeben. Mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die Stadt sich noch kurzfristig einbringen kann. Die Stadt kann auf diesen Zug noch aufspringen, aber sie muss es bald tun.
 
Wann haben Sie zuletzt mit Kulturdezernentin Ina Hartwig über die Angelegenheit gesprochen?
Frau Hartwig und ich sehen uns oft und sprechen regelmäßig miteinander. Mein Eindruck ist: Frau Hartwig will den Kulturcampus. Aber es sind viele andere Dinge in Frankfurt nicht geklärt. Wir haben frühzeitig versucht, die Stadt mit ins Boot zu nehmen. Es ist nach wie vor mein Ziel, den Kulturcampus gemeinsam mit der Stadt zu realisieren.
 
Die Stadt behauptet, sie habe den Flächenbedarf für die städtischen Institute schon mehrfach übermittelt. Das Land bestreitet das. Was stimmt denn nun?
In der Machbarkeitsstudie wird das Raumprogramm überprüft, um die notwendigen Grundstücksflächen zu ermitteln. Wir brauchen differenzierte Angaben, etwa zu den Anforderungen für Aufführungs- und Probenräume. Grobe Zahlen zu Bruttogeschossflächen sind zu wenig für eine Machbarkeitsstudie. Für die Hochschule haben wir ein klar differenziertes Raumprogramm erarbeitet. Bis auf den letzten Quadratmeter.
 
Welche Rolle spielen in der Debatte die Städtischen Bühnen? 
Die Frankfurter haben im Augenblick viele Probleme. Sie müssen die Themen Wohnen und Städtische Bühnen in den Griff bekommen. Ich nehme wahr, dass ein Gegensatz von Wohnen und Kultur aufgemacht wird. Das ist die falsche Herangehensweise an den Kulturcampus. Wir wollen ein gemischt genutztes, kulturell geprägtes Quartier realisieren. Um das verwirklichen zu können, brauchen wir die Machbarkeitsstudie. Es geht nicht um „entweder-oder“, sondern um Wohnen und Kultur. 
 
Die städtische Wohnungsgesellschaft ABG, die den Campus vom Land erworben hat, befürchtet, dass der Kulturanteil zu Lasten der Wohnungen geht.
Der städtebauliche Vertrag sieht 28800 Quadratmeter für geförderten Wohnraum vor. Das muss die ABG umsetzen. Wenn es irgendwo Abstriche geben sollte, dann nicht bei Wohnen und Kultur, sondern am ehesten bei der gewerblichen Nutzung.
 
Zieht die Musikhochschule auch für den Fall auf den Campus, dass Frankfurt den Umzug der städtischen Institute nicht finanziert?
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir gemeinsam mit der Stadt zu einem Kulturcampus kommen und insoweit ist der Campus Bockenheim aus meiner Sicht der ideale Standort für den Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, auch wenn ich einräumen muss, dass ich mir andere Standorte ebenfalls angesehen habe.
 
Es bleibt trotzdem bei einem Neubau auf dem Grundstück des Juridicums?
 
Das ist im Augenblick der geeignete Standort. Die alte Universitätsbibliothek ist es nicht. Sie steht unter Denkmalschutz, ein Großteil mit den Buchmagazinen liegt zudem unter der Erde, und die werden wir voraussichtlich auch weiterhin benötigen.
 
Das Grundstück des Juridicums ist angeblich zu klein für beides, die Musikhochschule und das Zentrum der Künste. Gibt es für die städtischen Institute denn überhaupt noch einen Platz auf dem Campus?
Gekoppelt lässt sich nicht beides auf dem Grundstück des Juridicums unterbringen. Die Behauptung, es gäbe keinen Platz mehr für das städtische Zentrum der Künste, trifft aber nicht zu. Das Grundstück des Labsaals und das Tortengrundstück vor dem Bockenheimer Depot stehen zum Beispiel noch zur Verfügung. 
 
2015 haben Sie verkündet, dass die Musikhochschule auf das Grundstück des Juridicums ziehen soll. Seither ist nicht viel passiert. Warum jetzt auf einmal die Eile? Aktionismus vor der Landtagswahl?
Dass nichts geschehen ist, kann ich so nicht stehen lassen. Es ist bisher eine ganze Menge geschehen: Wir haben die Uni-Verlagerung vorangebracht, das Raumprogramm für die HfMDK ermittelt, die Finanzierung von Musikhochschule und Senckenberg ermöglicht und eine Machbarkeitsstudie auf den Weg gebracht. Verzögerungen auf Seiten des Landes gibt es nicht. Die Stadt muss sich nur endlich entscheiden.
 
Die beiden Bauvorhaben Musikhochschule und Zentrum der Künste sollen räumlich getrennt werden. Warum ist es dann nötig, dass sich die Stadt überhaupt an der Machbarkeitsstudie beteiligt?
Wir können die Machbarkeitsstudie auch allein machen und dann auf dieser Grundlage einen Architekturwettbewerb ausloben. Allerdings wünschen sich die Stadt und viele Initiativen, dass hier eine gemeinsame Entwicklung aus einem Guss stattfindet. Die Stadt hat immer gesagt: Der Nukleus muss die Musikhochschule sein, dann entscheiden wir, wie wir mit unseren Institutionen umgehen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Man kann sich durchaus fragen, ob es sinnvoll ist, die Musikhochschule überhaupt in Bockenheim zu realisieren, wenn das ganze Konzept in Frage steht. Aber die Hochschule gehört nach Frankfurt. Zur Not gehen wir diesen Weg auch allein.
 
Wie ist Ihr Zeitplan? Wann kann man mit dem Bau beginnen?
Der Freizug des Geländes durch die Universität verzögert sich. 2005 war die Planung, dass die Uni Bockenheim 2017/2018 verlässt. Das ist längst überholt. Wir haben heute einen riesigen Ansturm und fast 15000 Studierende mehr als damals. Der Campus Bockenheim leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung des Universitätsbetriebes. Das ist aber kein großes Problem. Das Heureka-II-Geld, mit dem die Hochschule finanziert wird, steht ohnehin erst ab 2021 zur Verfügung. Wir hoffen, dass wir dann zeitnah nach dem Umzug der Universität mit dem Bau beginnen können. Im Idealfall könnte die Musikhochschule 2025 fertig sein.
 
In Frankfurt hat man sich gewundert, dass die Einnahmen aus dem überteuerten Verkauf des Polizeipräsidiums in den Neubau der Universitätsbibliothek investiert werden. Die Bibliothek funktioniert doch ganz gut an ihrem bisherigen Standort.
Der Charme des Neubaus der Universitätsbibliothek auf dem Campus Westend ist, dass wir die Neuordnung dort komplett abschließen können. Und zur Frage, warum wir 100 Millionen Euro aus dem Verkauf des alten Polizeipräsidiums in eine Universitätsbibliothek investieren, ist zu sagen: Von keiner anderen Hochschul-Nutzung profitieren auch die Bürger der Stadt und die breite Öffentlichkeit so stark wie von einem Bibliotheksbau. Der Verkauf des Polizeipräsidiums soll der Stadt und ihren Bürgern zu Gute kommen. 
 
In anderen Städten steht die Universitätsbibliothek auch nicht auf dem Campus. Außerdem ist die Folgenutzung des denkmalgeschützten Gebäudes nicht unproblematisch.
Eine Nachnutzung ist nicht leicht, aber nicht unmöglich. Das Wissenschaftsministerium ist auch für den Denkmalschutz in Hessen zuständig. Wir haben große Erfahrung darin, in einem geschützten Gebäude eine andere Nutzung unterzubringen, während der Denkmalwert erhalten bleibt. 
 
Im Bebauungsplan ist an der Stelle sogar ein Hochpunkt mit 50 Metern vorgesehen. Wäre ein Bürogebäude an dieser Stelle eine Option?
Die Möglichkeit, dort ein höheres Gebäude zu errichten, macht den Wert dieses Grundstücks aus. Ich glaube, dass man eine denkmalpflegerisch akzeptable Lösung finden kann. 
 
Die Fragen stellte Rainer Schulze.
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