Staatssekretär Jung gibt „Donaureiter“ an den bulgarischen Konsul in Frankfurt zurück

Silbernes Zeugnis eines römischen Geheimkults

„In Kulturgütern spiegelt sich Identität eines Landes wider. Kunstschätze, egal ob Bücher, Denkmäler, Bilder, Skulpturen oder andere Artefakte bewahren das Gedächtnis einer Nation. Daher geben wir dieses wertvolle archäologische Artefakt in das Land zurück, aus dem es stammt und rechtswidrig entwendet wurde.“ Mit diesen Worten hat der Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, Ingmar Jung, dem Konsul der Republik Bulgarien in Frankfurt am Main, Ivan Ilianvov Jordanov, einen silbernen „Donaureiter“ zurückgegeben.

Übergabe Donaureiter

Übergabe Donaureiter
Übergabe Donaureiter
© HMWK

„Kunst verbindet. Sie verbindet uns über den Raum und über die Zeit hinweg. Das ist ihre Bedeutung und ihre Aufgabe. Und das gilt im Besonderen, wenn Sie zum Geschenk gemacht wird“, sagte der Konsul.

Die hessische Polizei hatte dieses römische Kultobjekt aus dem 2./3. Jahrhundert bei einer Hausdurchsuchung in Mittelhessen 2007 sichergestellt. Alle Ermittlungen sind mittlerweile abgeschlossen. Das bisher in der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität Gießen aufbewahrte Relief besteht aus dünnem Silberblech und ist in acht aneinander anpassenden Fragmenten erhalten. Die maximale Ausdehnung des mit Fehlstellen durchsetzten Bereichs beträgt in der Höhe 8,2 Zentimeter und in der Breite 13,1 Zentimeter. Geht man davon aus, dass sich das Relief ursprünglich sowohl oben als auch unten fortsetzte, handelt es sich um die größte bisher bekannte Arbeit dieser Art.

Der Name „Donaureiter“ hat sich als Begriff für eine Gruppe archäologischer Denkmäler eingebürgert, die in römischer Zeit (besonders im 2. und 3. Jahrhundert) vor allem im mittleren und unteren Donauraum verbreitet waren.

Die als Weihgeschenke (Votive) gedeuteten Plaketten sind in sehr großer Zahl überliefert. Sie sind zumeist jedoch aus Blei, selten aus Stein und in nur wenigen Beispielen auch aus Silberblech gefertigt. Aufgrund der Kostbarkeit des Materials und der handwerklich-technischen Anforderungen der Schmiedetechnik ist das Silberblech hauchdünn. Es war ursprünglich möglicherweise auf einem Holzbrettchen aufgenagelt.

Die Votive sind Zeugnisse eines noch weitgehend unbekannten Geheimkults im römischen Kaiserreich, in dessen Mittelpunkt offenbar eine weibliche Gottheit stand. Wie es für so genannte Mysterienkulte charakteristisch ist, gibt es keine zeitgenössischen schriftlichen Zeugnisse. Auch sind bisher keine Bauten bekannt, die der Ausübung dieses Kults dienten. Auskunft geben also nur die aufgefundenen Votivgaben und ihr reicher Bildschmuck.

Die Darstellung der „Donaureiter“-Reliefs folgt einem charakteristischen Schema, das in der Detailgestaltung aber eine enorme Variationsbreite aufweist. Meist sind die Reliefs hochrechteckig und in mehrere Bildfriese geteilt. Im Zentrum steht eine frontal zu sehende Frau mit Schleier. Sie greift mit beiden Händen in die Zügel von Pferden, die mitsamt Reitern rechts und links von ihr stehen und sie spiegelbildlich rahmen. Die zweifellos als Göttin zu deutende Figur ist damit eindeutig die Hauptfigur der Darstellung. Die beiden Reiter werden als die Dioskuren Kastor und Pollux, Söhne des Göttervaters Jupiter, gedeutet. Sie sind im Bildschema aber auch der Gestalt des so genannten „Thrakischen Reiter-Heroen“ verbunden.

Üblicherweise wird die Szene ober- und unterhalb von weiteren Friesen gerahmt, auf denen Bildmotive wie Gestirnsgottheiten, Widderkopf, Stier, Gefäß mit Schlange, Löwe und Dolch zu sehen sind. Das Silberrelief, das jetzt an Bulgarien zurückgegeben wurde, zeigt über der weiblichen Gottheit drei Köpfe mit Büstenausschnitt, die aufgrund ihrer Kopfbedeckung mit einer so genannten phrygischen Mütze eindeutig als männlich zu deuten sind. Aufgrund des fragmentarischen Zustands des Reliefs fehlen weitere Bildregister. Die Szenerie ist von einer Zierarchitektur mit seitlichen Säulen eingefasst.

Der Bildschmuck der „Donaureiter“-Reliefs weist Bezüge zu orientalischen Kulten wie denen des Mithras oder des „Jupiter Dolichenus“ auf, die sich in den Motiven der „Großen Göttin“, Gestirnsgottheiten, Sterndarstellungen, Stier, Löwe und Schlangen manifestieren. Charakteristische donauländische Motive sind dagegen die Darstellungen der beiden Reiter, die oft über unterworfenen Feinden stehen. Mithin werden Motive damals gängiger, insbesondere von Anhängern aus dem Militär praktizierter Religionen vermischt.

Die Fundorte der „Donaureiter“ konzentrieren sich auf das Gebiet der mittleren und unteren Donau, die früheren römischen Provinzen Pannonien, Dakien und Mösien – das ist die Region zwischen dem heutigen Westungarn und dem Schwarzen Meer. Von dort stammt auch das Silberrelief, das Staatssekretär Jung heute zurückgegeben hat. Da in Edelmetall gefertigte Votive ausgesprochen selten sind, lässt sich die Herkunft mangels Vergleichsmaterials nicht genauer einzugrenzen. Der Text im Bilderrahmen des Reliefs nennt als Fundort das in der Donautiefebene liegende Russe im nördlichen Bulgarien. Aus archäologischer Sicht gibt es nach heutiger Kenntnis keinen Grund, daran zu zweifeln.

Das Objekt war mit anderen in der Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität in Gießen aufbewahrten „Donaureiter“-Reliefs Grundlage für eine Bachelor-Arbeit, die 2011 am Institut für Altertumswissenschaften abgeschlossen wurde: Unter dem Titel „,Donaureiter‘ – Zur Motivik kaiserzeitlicher Votivbleche“ wurden sie von Cornelia Voelsch analysiert und wissenschaftlich bearbeitet. Diese Bearbeitung bildete die Grundlage für eine archäologische Sonderausstellung im Römerkastell Saalburg bei Bad Homburg. Dort ergänzten die „Donaureiter“ unter dem Titel „Mysterium Mithras – Die geheimen Männerclubs der Römer in der Saalburg“ die Mithras-Ausstellung 2011/2012.

Seither wurde das Relief immer wieder zu Beschreibungs- und Bestimmungsübungen mit Studierenden der Klassischen Archäologie herangezogen. Es diente zur Illustration von Vorlesungen zum Mithras-Kult und anderen Mysterienkulten. In der Antikensammlung war es auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich.

 

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