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Regierungserklärung

Die hessische Hochschulstrategie: Verlässlichkeit als Antrieb für Chancengerechtigkeit und Mut

Wissenschaftsministerin Angela Dorn hat diese Rede am 18. Mai 2021 vor dem Hessischen Landtag gehalten.

Herr Präsident,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

selten war die Bedeutung von Wissenschaft so sichtbar wie in der Corona-Pandemie: Aus schnellen Erkenntnissen über das zuvor unbekannte Virus und den Krankheitsverlauf wurden in Rekordzeit Modelle zu seiner Verbreitung. Es gibt inzwischen breit verfügbare Impfstoffe und Tests, es gibt Apps zur Nachverfolgung. Wir erleben ein Impfwunder, wir erleben, dass eine leistungsfähige und innovative Wissenschaft Menschenleben rettet.

Seit Beginn der Pandemie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Medien so präsent, wie selten zuvor. Sie erklären Zusammenhänge, beantworten Fragen, nehmen Ängste. Sie sind, wenn man so will, unser Kompass durch die Pandemie. Das ist gut so, denn der beste Impfstoff gegen Angstmacherei, Manipulation und Lügen ist Wissen.

Hochschulen sind das Herz unserer Wissensgesellschaft, sie sind die Epizentren des gesellschaftlichen Fortschritts. Ihre Forschung bringt uns Innovation, sie bilden kluge Entscheiderinnen und Entscheider und Fachkräfte von morgen aus, sie gestalten demokratische Diskurse mit. Unsere Aufgabe als Landesregierung ist es, ihnen die verlässliche Unterstützung zu geben und mit ihnen konkrete Ziele zu vereinbaren, damit sie Kurs halten können. Wie Segelboote auf dem offenen Meer brauchen Hochschulen dafür nicht nur ordentlich Wind im Segel, sondern auch gutes Material, eine gute Besatzung und einen klaren Kompass.

Der Kompass, das ist die neue Hessische Hochschulstrategie. Ihre zentralen Bestandteile sind Verlässlichkeit, Chancengerechtigkeit und Mut. Nach diesen Leitlinien greifen alle Bestandteile der Hessischen Hochschulstrategie ineinander: Hochschulpakt, Digitalpakt Hochschule, Bauprogramm HEUREKA, Forschungsförderung LOEWE und Strategieprozess. Wie sie nachhaltig zusammenwirken, das will ich Ihnen heute vorstellen.

Zu Jahresbeginn haben wir mit dem Start des Hessischen Hochschulpakts für die Jahre 2021 bis 2025 das Herzstück dieser Hessischen Hochschulstrategie umgesetzt. Es ist der „objektiv beste Hochschulpakt, den es in Hessen je gab“ – das sage nicht ich, sondern der Präsident der Universität Gießen, Prof. Dr. Mukherjee. Vielleicht noch wichtiger als das Rekordvolumen von 11,5 Milliarden Euro ist die Verlässlichkeit: Wir haben den Grundsockel von 5,6 auf 8,2 Milliarden Euro verbreitert, und Jahr für Jahr wächst er um vier Prozent. Dieses verlässliche finanzielle Fundament ist weit mehr, als für Tarif- und Kostenerhöhungen nötig wäre. Es ist ein echtes Gestaltungsplus. Oder, um im Bild des Segelschiffs zu bleiben: Die Hochschulen haben dank der Landesregierung von jetzt an ordentlich Wind im Segel.

Aber auch an den Schiffen selbst ermöglichen wir größere Arbeiten, denn wer hart am Wind segelt, braucht ein gut gebautes Schiff: Es braucht einen starken Rumpf und für die Schnelligkeit Hightech-Materialien. Das sind das Hochschulbauprogramm HEUREKA mit einem Volumen von 1,7 Milliarden Euro und der Digitalpakt mit 112 Millionen Euro.

HEUREKA bietet Planungsperspektive bis 2031. Während andere Bundesländer angesichts der großen Herausforderung über Vermieter-Mieter-Modelle nachdenken, haben unsere Hochschulen verlässliche finanzielle Leitlinien und innerhalb dessen die Freiheit ihre Bauvorhaben zu priorisieren. Für mehr Platz bei den Rekordstudierendenzahlen, für gute Forschungsbedingungen der stärksten Profilbereiche und nicht zuletzt um die großen Energiekosten in ihre jeweiligen Hochschulbudgets zu senken. Ich habe mich sehr bewusst entschieden, die dritte Runde von HEUREKA nach klaren Kriterien zu verteilen. Und zwar auf Grundlage der Belastung durch alte Gebäudesubstanz. Alleine durch den Chemieneubau kann die Philipps-Universität nach Aussage ihres ehemaligen Kanzlers sage und schreibe knapp 1 Million Euro pro Jahr einsparen. Hier zeigt sich mehr als deutlich: Mit Klimaschutz kann man hier nicht nur schwarze Zahlen schreiben, sondern das eingesparte Geld in kluge Köpfe investieren.

Mit dem Digitalpakt unterstützen wir die digitale Transformation in den Hochschulen. Wir unterstützen die Hochschulen bei völlig neuen Lehr-Lernformaten, Investitionen in Hochleistungsrechnen und Forschungsdatenmanagement – denn nur so kann Wissen verfügbar gemacht werden und zu weiterem Wissen führen. Aber auch Cybersicherheit und die Digitalisierung der Hochschulverwaltungen fördern wir. Das Besondere an unserem Digitalpakt ist, dass wir nicht überall alles neu entwickeln, sondern die Hochschulen im Sinne des Best Practice für andere mitentwickeln. Diese Hochschulkooperation ist vorbildlich!        

Diese Landesregierung investiert in die Hochschulbildung so viel wie noch keine hessische Landesregierung zuvor. Wir bieten also ein Mehr an Finanzierung, ein Mehr an Verlässlichkeit. Wir trauen den Hochschulen also etwas zu und vertrauen darauf, dass sie ihre Freiheit und ihr Gestaltungsplus nutzen. Denn Hochschulen haben eine gesellschaftliche Aufgabe von höchster Relevanz. Wir haben im Hochschulpakt klare Ziele miteinander vereinbart: Verbesserungen in der Lehre, gute Beschäftigungsbedingungen, eine bessere Betreuungsrelation, gerechtere Bildungschancen. Einige dieser Ziele sind neu jetzt so angelegt, dass erst die Zielerreichung prämiert wird. Das ist übrigens etwas, was mich bislang persönlich an den Zielvereinbarungen gestört hatte, seitdem ich dem Hessischen Landtag angehöre. Jetzt sprechen wir über echte Zielvereinbarungen. Genauso haben wir eine positive Erwartungshaltung an die konsequente strategische Weiterentwicklung unserer Hochschulen. An ihren Mut zur Weiterentwicklung, zur Profilbildung und zur Kooperation.

Erstens: Wir geben mehr Verlässlichkeit und gewinnen mehr Bildungsgerechtigkeit

Ein zentrales Ziel des neuen Hochschulpakts ist die Verbesserung der Betreuungsrelation. Denn in guter Lehre liegt der Schlüssel für Studienerfolg und Bildungsgerechtigkeit. Wir haben ein verbindliches Ziel und bieten unter anderem mit den 300 neuen Professuren auch gute Unterstützung, dieses Ziel zu erreichen. Ein besonderes Augenmerk verdienen Studierende, deren Eltern nicht studiert haben, deren Muttersprache nicht Deutsch ist oder die Beeinträchtigungen haben. Ihr Studienerfolg braucht besondere Unterstützung. Wir haben die Programmmittel, die speziell der Qualität von Studium und Lehre dienen, von zwei Millionen Euro auf im Schnitt 25 Millionen Euro pro Jahr erhöht. Davon finanzieren die Hochschulen zum Beispiel Angebote in Studienorientierung, Teilzeitstudium, Mentoring und Beratung oder auch in der didaktischen Weiterbildung der Lehrenden.

Zweitens: Wir geben Verlässlichkeit und gewinnen dafür bessere Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs und beide Geschlechter

Die Zukunft unserer Hochschulen liegt im wissenschaftlichen Nachwuchs und der braucht gute Rahmenbedingungen. Deswegen haben wir im Hochschulpakt einen höheren Anteil von entfristeten Stellen und verlässliche Karrierewege vereinbart. Zusätzlich erarbeiten wir mit Hochschulen und Personalvertretungen im Augenblick den „Kodex für gute Arbeit“.

Besonders wichtig sind mir die gleichen Chancen für alle Geschlechter. Im Erfolgsbudget haben wir einen Punkt besonders gestärkt: Wir wollen mehr Frauen auf Professuren. Aktuell ist zwar die Hälfte der Hochschulabsolventen weiblich und erzielt überdurchschnittliche Abschlüsse, aber nur jede vierte Professur wird von einer Frau besetzt. Einen solchen Verlust an Talenten kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten!

Drittens: Wir geben Verlässlichkeit und gewinnen damit mehr ökologische Nachhaltigkeit

Die Hochschulen machen als größter Player auch den größten Anteil bei den klimaschädlichen Emissionen innerhalb der Landesverwaltung aus. Neben der neuen Priorisierung hinsichtlich der Gebäudesubstanz im Bauprogramm HEUREKA ist auch im Hochschulpakt der Beitrag zum Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit nun klar verankert: Jede Hochschule wird eine Professur zum Thema Nachhaltigkeit ausrufen und ein Nachhaltigkeitskonzept für ihre jeweilige Hochschule entwickeln. Im Hochschulpakt ist ein CO2-Reduktionsziel der Hochschulen verankert. So gehen wir wichtige Schritte hin zu unserem Ziel der klimaneutralen Landesverwaltung 2030.

Viertens: Wir geben Verlässlichkeit für mutige neue Wege

Unseren Weg haben wir begonnen mit einem Strategieprozess. Mit einer mutigen, ehrlichen Analyse von Stärken und Schwächen. Die Hochschulen haben mit Hilfe bundesweit anerkannter Expertinnen und Experten ihre Stärken, Schwächen und Potentiale analysiert. Prof. Dr. Schleiff, Präsident der Goethe-Universität, nannte das Sounding-Board unter der Leitung des Ex-Generalssekretärs der VW-Stiftung Krull jüngst die Creme de la Creme der Wissenschaft. Die Meinung der Expertinnen und Experten von außen ist uns wichtig. Wir erwarten von den Hochschulen den Mut, daraus Konsequenzen zu ziehen – und sie haben diesen Mut.

So wie unterschiedliche Segelboote sich für unterschiedliche Arten des Segelns eignen, sind nicht alle Hochschulen gleich. Daher haben wir im Hochschulpakt auf diesem Strategieprozess aufgebaut und mit dem Profilbudget neue Möglichkeiten zur Stärkung des individuellen Profils und der Kooperation geschaffen. Auch bei Anträgen zu LOEWE wird auf die Passung zum Profil nun neu ein Augenmerk gelegt. Denn es hat sich gezeigt, dass jene Hochschulen am erfolgreichsten sind, die konsequent Schwerpunkte setzen, die nicht alles ein bisschen machen, sondern sich auf ihre unterschiedlichen Stärken konzentrieren. Und die dabei auch zusammenarbeiten, statt darum kämpfen, wer der oder die beste in einem vorgegebenen Raster ist.

Das vielleicht beste Beispiel dafür ist das neue Hessische Zentrum für Künstliche Intelligenz: Es wird von 13 hessischen Hochschulen unterschiedlicher Hochschultypen getragen und bündelt so deren jeweilige Stärken, von der starken Grundlagenforschung über fachspezifische Expertise bis zur praxisnahen Forschung. Wir als Land richten 20 zusätzliche Professuren ein und stellen dafür in der fünfjährigen Aufbauphase 38 Millionen Euro zur Verfügung – ein Ansatz, der bundesweite Beachtung findet.

Auch wir – als Gesellschaft und als Politik – müssen Mut bei der Förderung von Wissenschaft haben. Wissenschaft muss Risiken eingehen dürfen, um Innovation zu ermöglichen. Ein Beispiel ist unsere neue Förderlinie „LOEWE-Exploration“: Während es leider mittlerweile eher Fördermittel für Forschungsansätze gibt, die auch eine hohe Wahrscheinlichkeit des Erfolgs versprechen, geben wir Forschenden die Freiheit, hoch innovativen Forschungsideen nachzugehen, bei denen noch nicht sicher ist, ob die These aufgeht. Denn Wissenschaft muss auch scheitern können. Nur dann kann sie die Lösungen für die Probleme von morgen entwickeln.

Einen mutigen Weg gehen wir auch bei den Hochschulen für angewandte Wissenschaften: Mit dem Promotionsrecht für forschungsstarke Bereiche war Hessen bundesweit Vorreiter, jetzt finanzieren wir den Aufbau eines wissenschaftlichen Mittelbaus, also von Personal für Forschung und Lehre unterhalb der Professur. Das stärkt die HAWs in ihrer anwendungsorientierten Forschung, erleichtert es ihnen, eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs zu generieren, und verbessert die Betreuung der Studierenden.

Und wir gehen mutig in die nächste Runde der Exzellenzstrategie des Bundes. Um die Universitäten in der Vorbereitung zu unterstützen, werden wir sechs Forschungsvorhaben in der LOEWE-Förderlinie „Clusterprojekte“ mit mindestens 40 Millionen Euro bis 2025 unterstützen. Um die aussichtsreichen auszuwählen, haben wir einen kleinen eigenen Wettbewerb durchgeführt. Die Cluster wurden durch eine unabhängige Kommission unter der Leitung des ehemaligen DFG-Präsidenten Prof. Strohschneider begutachtet. Ich bin zuversichtlich, dass diese 6 Cluster nun den „10-Meter-Turm“ wie es jüngst TU-Darmstadt-Präsidentin Prof. Dr. Brühl im Ausschuss bezeichnete, nutzen und sich gut auf die nächste Exzellenzstrategie vorbereiten.

Zusammenfassung der Hochschulstrategie

Verlässlichkeit und klare Ziele sind der Antrieb für Chancengerechtigkeit, Mut zum Profil und Mut zur Kooperation. Das alles ist Teil der neuen Hessischen Hochschulstrategie. Für uns ist Hochschulautonomie keine Ausrede für Laissez-Faire – sondern ein Auftrag zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft.

Der Weg autonomer Hochschulbudgets hat sich als richtig erwiesen, es haben sich aber auch Probleme aus den früheren Hochschulpakten ergeben, die wir jetzt lösen. Der Fokus lag zuvor auf einem Anwachsen der Studierendenzahlen und auf Drittmittelprämien, gleichzeitig war aber das Budget insgesamt gedeckelt. Studiengänge wurden aus dem Boden gestampft, um immer mehr Studierende an die Hochschulen zu holen. Gleichzeitig sank der Preis pro Studierendem deutlich. Das Modell verschärfte Ungleichheiten, die Konkurrenz zwischen den hessischen Hochschulen nahm zu und erschwerte die Profilentwicklung. Wir geben nun mit Verlässlichkeit und Profilbildung eine Perspektive für alle, Kooperation ist nicht nur erwünscht, sondern erhält Anreize. Wir haben den Wettbewerb zwischen den Hochschulen auf eine breitere Basis gestellt. Denn wir wollen einen Wettbewerb um die besten Ideen.

Für uns ist nicht wie für manche andere Exzellenz in der Forschung das allein seligmachende Kriterium – wir setzen auf Mut zum vielfältigen Profil. Dazu gehört nicht nur die Spitze, sondern auch die Breite. Dazu gehören neben wissenschaftlicher Schwerpunktbildung auch die Lehre und der Wissenstransfer in die Gesellschaft.

Wir lehnen aber auch nicht wie manche andere Exzellenz in der Forschung ab und verwechseln Hochschulen mit Volksbildungsanstalten. Wir wissen, dass es ohne Exzellenz keine wissenschaftliche Innovation und auch keine gute Lehre auf der Höhe der Zeit gibt.

Mit den Leitlinien Verlässlichkeit, Chancengerechtigkeit und Mut macht die Hessische Hochschulstrategie unsere vielfältigen Universitäten, Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und Kunsthochschulen fit für die Zukunft. Wir unterstützen sie so gut wie noch nie, und wir erwarten viel dafür. Es wird sich lohnen: Hier liegen die Früchte, die unsere Wissensgesellschaft weiterbringen und es Hessen ermöglichen werden, zu den Gewinnern der kommenden Jahre und Jahrzehnte zu gehören.

Wie sich solcher Mut zu Profil und Zusammenarbeit auszahlt und wie wichtig es ist, in der Wissenschaft nicht einfach auf Hypes zu setzen, zeigt das LOEWE-Zentrum DRUID. Die Unis Marburg, Gießen und Frankfurt erforschen hier gemeinsam mit dem Paul-Ehrlich-Instituts in Langen „vernachlässigte tropische Krankheiten“ – neben anderen Erregern wie Dengue, Hepatitis und Ebola gehören dazu auch Corona-Viren. 20 Millionen Euro hat Hessen seit 2018 in das Zentrum investiert. Corona war vor drei Jahren noch kein großes Thema in Deutschland – jetzt können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf diesen Erkenntnissen und diesem Netzwerk aufbauen.

Halten wir also fest: Das metaphorische Segelboot, unsere hessische Hochschullandschaft, ist Dank der Landesregierung mit ordentlich Wind im Segel hart am Wind unterwegs für Entdeckungstouren auf den Meeren der Wissenschaft. Es hat einen guten Kompass, für alle Wetter gutes Material und eine motivierte Crew an Bord.

Und wenn ich gerade bei motivierter Crew bin, lassen sie mich noch zum Abschluss ein Wort des Dankes sagen: Danke an meine motivierte Mannschaft im HMWK, die Prozesse der letzten Jahre waren mehr als anspruchsvoll und dank Ihres außerordentlichen Einsatzes können wir sie umsetzen. Und danke an die Präsidien, dass wir bei allen notwendigem Ringen um den richtigen Kurs am Ende immer konstruktiv eine gute Lösung finden konnten.

In diesem Sinne: Leinen los und auf zu neuen Ufern!

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