Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur

Die Wissenschaft gewinnt

Warum sich die Exzellenzstrategie lohnt. Ein Gastbeitrag von Wissenschaftsminister Timon Gremmels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 13.10.2026.

Die Wissenschaft als große Verliererin der Exzellenzstrategie? Dieser These aus dem Gastbeitrag in der F.A.Z. vom 30. September 2026Öffnet sich in einem neuen Fenster widerspreche ich. Und nicht nur deshalb, weil ich stolz darauf bin, dass zum ersten Mal in der Geschichte hessische Universitäten den Exzellenztitel gewonnen haben und wir im buchstäblichen Sinne zu den Gewinnern dieses Wettbewerbs gehören.

Die Exzellenzstrategie macht die Wissenschaft zur Gewinnerin. Sie ermöglicht herausragende Forschung, und zwar in der ganzen Breite der Wissenschaft. Sie sorgt für internationale Sichtbarkeit und sie stärkt die Universitäten als Ganzes. Sie hat in den vergangenen Jahren etwas geleistet, das für unser Wissenschaftssystem von erheblicher Bedeutung ist.

Das beginnt mit dem Wettbewerb selbst. Die hohe Reputation des Programms sorgt dafür, dass sich die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihren Forschungsideen beteiligen. In einem wissenschaftsgeleiteten, international besetzten und anspruchsvollen Auswahlverfahren werden daraus die Programme ausgewählt, die besonders innovativ und vielversprechend sind. Neues Wissen und wissenschaftliche Durchbrüche, die entstehen, sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir die gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen können: von Künstlicher Intelligenz und Klimawandel bis zur Energiewende und zur Gesundheitsforschung. Forschung ist dabei eine Grundlage für Innovation und technologischen Vorsprung. In einer Welt, in der technologische Abhängigkeiten zunehmend auch zu politischen Abhängigkeiten werden können, geht es auch um Souveränität und damit um die Resilienz unserer Gesellschaft.

Eine weitere Stärke: Die Exzellenzstrategie macht deutsche Forschung international sichtbar. Exzellenzcluster sind wissenschaftliche Leuchttürme. In ihren Fachcommunities sind sie weit über Deutschland hinaus bekannt. Sie ziehen internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an und schaffen Netzwerke, die für unsere Hochschulen und für den Forschungsstandort Deutschland von großem Wert sind. Ich konnte das zuletzt bei einer Reise durch die USA selbst erleben: Die deutschen Spitzenstandorte werden wahrgenommen und die Exzellenzstrategie trägt wesentlich dazu bei.

Die Wirkung endet aber nicht an den Grenzen einzelner Cluster. Exzellente Forschung stärkt die Universität als Ganzes. Aktuelle Forschungsfragen finden ihren Weg in die Hörsäle, neue Masterstudiengänge entstehen, Nachwuchsgruppen werden eingerichtet. Zugleich zwingt der Wettbewerb Hochschulen dazu, sich strategisch mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen, Schwerpunkte zu setzen und Strukturen weiterzuentwickeln. Er schafft Anreize für Kooperationen innerhalb der Hochschule, aber auch über Hochschul- und Ländergrenzen hinweg.

Eine Person trägt eine mit Kabeln verbundene Maske.

Spitzenforschung

Die Exzellenzstrategie in Hessen

Wir unterstützen die hessischen Hochschulen beim wichtigstenh Forschungswettbewerb für Universitäten.

Im Rhein-Main-Gebiet sehen wir diese Wirkung. Dass die Universitäten Frankfurt, Darmstadt und Mainz als erster länderübergreifender Verbund künftig als Exzellenzverbund gefördert werden, ist ein starkes Signal für die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Region. Es zeigt, wie gemeinsame Stärke aus unterschiedlichen Kompetenzen entstehen kann.

Natürlich muss sich auch die Exzellenzstrategie weiterentwickeln. Die Verfahren sind aufwendig und binden an den Hochschulen erhebliche Ressourcen. Hier müssen wir Antragsverfahren verschlanken. Auch die zunehmende Inszenierung von Begutachtungen verdient kritische Betrachtung. Längere Förderlaufzeiten könnten zudem mehr Stabilität schaffen. Wer viel Geld und Energie in hervorragende Forschungsprogramme investiert, sollte ihnen auch ausreichend Zeit geben, ihre Wirkung zu entfalten.

Denn hierin stimme ich mit dem besagten Gastbeitrag überein: Wettbewerbliche Projektförderung darf nicht zum Ersatz für eine Grundfinanzierung werden. Die Grundfinanzierung bleibt das Fundament unserer Hochschulen. Sie schafft die Voraussetzungen für gute Lehre, Forschung, Infrastruktur und vor allem für verlässliche Beschäftigungsperspektiven. Dauerhafte wissenschaftliche Strukturen lassen sich nicht mit befristeten Förderungen finanzieren. Hessen wird im kommenden Jahr rund 14 Millionen Euro für die 25-prozentige Kofinanzierung seiner sechs Exzellenzcluster und des Exzellenzverbunds der Rhein-Main-Universitäten aufbringen. Dem stehen mehr als zwei Milliarden Euro für die Grundfinanzierung der hessischen Hochschulen gegenüber. Insgesamt brauchen wir beides: eine starke Grundfinanzierung und klug ausgestaltete wettbewerbliche Förderung. Das eine gegen das andere auszuspielen, bringt uns nicht weiter. Auch der Bund hat im Übrigen nach dem Grundgesetz Möglichkeiten, dauerhaft in die Wissenschaft an Hochschulen zu investieren.

Besonders bei den Beschäftigungsbedingungen besteht Handlungsbedarf. Zu viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten unter unsicheren und befristeten Bedingungen. In Hessen ist es deshalb ein Kernanliegen der Landesregierung, mehr verlässliche Perspektiven für dauerhafte Beschäftigung zu schaffen. Der Kodex für gute Arbeit an hessischen Hochschulen, die Dauerstellenkonzepte der Hochschulen, der Hochschulpakt, Zielvereinbarungen und tarifvertragliche Regelungen setzen dafür wichtige Rahmenbedingungen. Zugleich ist Bewegung auf Bundesebene entstanden, nicht zuletzt durch die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu zeitgemäßen Personal- und Organisationsstrukturen. Ein Bund-Länder-Programm könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten: für moderne Personalstrukturen, für mehr unbefristete Beschäftigung und für Hochschulen, die ihren Beschäftigten verlässliche Perspektiven bieten können.

Die Grundfinanzierung gibt Hochschulen Stabilität und Handlungsspielräume. Die Exzellenzstrategie setzt gezielt Impulse für Forschung auf internationalem Spitzenniveau und für die institutionelle Erneuerung der Universitäten. Wer die Exzellenzstrategie verbessern will, hat meine Unterstützung. Wer für bessere Arbeitsbedingungen und verlässliche Beschäftigung in der Wissenschaft streitet, ebenfalls. Aber daraus folgt nicht, dass wir auf den Wettbewerb um die besten Forschungsideen und institutionellen Strategien verzichten sollten.

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