Wiesbaden/Trendelburg. Ein Leben im Dienst der nordhessischen Geschichte: Dr. Udo Schlitzberger hat sich als Abgeordneter, Landrat und Forscher mehr als ein halbes Jahrhundert lang dafür eingesetzt, dass möglichst viele Menschen die Geschichte ihrer Region kennenlernen. Anlässlich seines 80. Geburtstag hat ihm Wissenschafts- und Kunstminister Timon Gremmels dafür am Samstag die Ehrenprofessur des Landes Hessen verliehen. Ort der Feierstunde war mit Bedacht das Wasserschloss Wülmersen bei Trendelburg – ein Baudenkmal, das ohne Dr. Schlitzberger heute nicht mehr stünde. Die Ehrenprofessur würdigt Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um Wissenschaft und Kunst verdient gemacht haben.
Brückenbauer Nordhessens
Wissenschafts- und Kunstminister Timon Gremmels: „Udo Schlitzberger ist einer der großen Brückenbauer Nordhessens – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wissenschaft und den Menschen vor Ort. Ich kenne und schätze ihn seit vielen Jahren: als klugen Ratgeber, als leidenschaftlichen Historiker und als jemanden, der nie lockerlässt, wenn es um seine Heimat geht. Dass wir heute wissen, welche Schätze im nordhessischen Boden liegen, verdanken wir auch ihm. Er hat die Grabung am Caldener Erdwerk gerettet, als sie zu scheitern drohte. Er hat mit jungen Menschen das Wasserschloss Wülmersen und die Mühle Laar vor dem Verfall bewahrt und ihnen dabei eine berufliche Perspektive gegeben. Und er hat mit den Eco-Pfaden Geschichte für alle erwanderbar gemacht.“
Vom Landrat zum Forscher
Der Minister weiter: „Besonders beeindruckt mich, was nach seinem Abschied aus dem Landratsamt kam. Andere hätten sich zur Ruhe gesetzt – Udo Schlitzberger wurde Forscher. Mit seinen Büchern über Römer, Chatten und Kelten hat er gezeigt, dass Nordhessen auf der archäologischen Landkarte kein weißer Fleck ist, und unserer Landesgeschichte wichtige Impulse gegeben. Dass ich ihm die Ehrenprofessur an seinem 80. Geburtstag und an diesem Ort überreichen darf, wo sein Lebenswerk buchstäblich in Stein steht, ist mir eine besondere Freude. Lieber Udo Schlitzberger, von Herzen Glückwunsch – und bitte hören Sie nicht auf, uns die Geschichte unserer Heimat zu erzählen.“
Ausgrabungen in Calden gerettet
Dr. Udo Schlitzberger, Jahrgang 1946 in Kassel und aufgewachsen in Calden-Fürstenwald in der Dorfkneipe seiner Eltern, studierte Geschichte, Politik, Philosophie und Germanistik in Marburg, wo er 1973 mit einer Arbeit über Karl Poppers Kritischen Rationalismus promoviert wurde. Danach arbeitete er als Lehrer in Niestetal und Kassel, bevor er 1976 in den Hessischen Landtag gewählt wurde, dem er bis 1991 angehörte.
Ebenfalls 1976 wurde bei Calden ein jungsteinzeitliches Erdwerk entdeckt, das auf eine mehr als 5.000 Jahre alte Siedlungsgeschichte hinweist. 1982 gründete Schlitzberger mit anderen Engagierten den Kultur- und Geschichtsverein Calden. Als die Ausgrabungen des Landesmuseums Kassel 1988/89 finanziell zu scheitern drohten, setzte er sich erfolgreich dafür ein, dass sie fortgeführt und vom Land Hessen abgesichert wurden. Die Archäologen bewerten die Befunde bis heute als einzigartig für die Jungsteinzeit in Mitteleuropa.
Sozialpolitik und Denkmalschutz verbunden
Von 1991 bis 2009 war Dr. Schlitzberger Landrat des Landkreises Kassel. Mit einem besonderen Projekt verknüpfte er Sozialpolitik und Denkmalschutz: Im von ihm gegründeten Aus- und Fortbildungsverbund (AuF e.V.) retteten arbeitslose junge Menschen verfallene Baudenkmäler und qualifizierten sich im Handwerk. Steinerner Zeuge des Erfolgs dieses Projektes ist das Wasserschloss Wülmersen: Früher eine Ruine, ist es heute Gruppenhaus und Museum. Dafür erhielt der Verein im Jahr 2000 den Deutschen Preis für Denkmalschutz. Auch die historische Mühle Laar bei Zierenberg wurde so gerettet und erzeugt heute wieder Strom aus Wasserkraft. Auf seine Idee gehen zudem die Eco Pfade zurück – inzwischen 33 kulturgeschichtliche Rundwege im Landkreis Kassel.
Bücher geschrieben und Höhenwege rekonstruiert
Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt wurde Schlitzberger selbst zum Forscher. Gemeinsam mit dem Heimatforscher Klaus Fröhlich rekonstruierte er in Volkshochschulkursen und auf Exkursionen römische Marschwege, keltische Burgen und mehr als 3.000 Kilometer vorgeschichtlicher Höhenwege. Daraus entstanden unter anderem die Bücher „Die Römer im Chattenland“ (2017) und „Keltenzeit im Norden Hessens“ (2022). Letzteres beschreibt erstmals systematisch die Keltenregion rund um den Hohen Dörnberg. 2018 gab er zudem einen Band über die Althessische Ritterschaft und das Stift Kaufungen heraus.
Ehrenamtlich wirkt Dr. Schlitzberger als Sachverständiger für Archäologie im Denkmalbeirat des Landkreises und im Geschichtsverein seines Heimatdorfes.
Die Ehrenprofessur des Landes Hessen
Mit dem Ehrentitel „Professorin“ oder „Professor“ werden nach dem Hessischen Hochschulgesetz seit 2006 Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise um Wissenschaft und Kunst verdient gemacht haben. Die Ehrenprofessur wird auf Vorschlag des Hessischen Ministers für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur durch Kabinettsbeschluss verliehen. Dr. Udo Schlitzberger reiht sich damit in einen kleinen und prominenten Kreis ein. Zu den bisher Geehrten zählen der Historiker und Schriftsteller Arno Lustiger, die Theologin und Historikerin Ruth Lapide, Dr. Salomon Korn von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, der Jazzmusiker Emil Mangelsdorff, die Kasseler Verlegerin Barbara Scheuch-Vötterle (Bärenreiter), die Unternehmer Dr. Ludwig Braun, Dr. Martin Viessmann und Dr. Friedhelm Loh, der Bankier Friedrich von Metzler sowie zuletzt 2024 die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth.