Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur

Minister Gremmels' Rede zur Eröffnung der 78. Frankfurter Buchmesse

Diese Rede hat Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels am 6. Oktober 2026 zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse gehalten.

„In der Nacht, als Ronja geboren wurde, rollte der Donner über die Berge."

Ich wette, viele hier könnten auswendig weitersprechen. Das ist die erste Zeile von „Ronja Räubertochter“ von Astrid Lindgren, einem Buch, das ich mit neun Jahren verschlungen habe und das mich bis heute begleitet.

In der Nacht von Ronjas Geburt schlägt ein Blitz in die Burg ihres Vaters ein und spaltet sie in zwei Hälften. Mitten hindurch. Der Spalt heißt „Höllenschlund“, und Ronja darf sich ihm nicht nähern, weil auf der anderen Seite der Feind wohnt.

Aber: Wie wir alle wissen, springt sie später trotzdem drüber.

Ronja ist kein braves Mädchen. Sie passt nicht in die Rolle, die für sie vorgesehen ist. Sie freundet sich ausgerechnet mit Birk an, dem Sohn der verfeindeten Familie. Und als ihr Vater das erfährt, sagt er den härtesten Satz, den ich als Kind in einem Buch je gelesen habe: Er sagte: „Ich habe kein Kind mehr“.

Ronja geht. Sie zieht mit Birk in eine Höhle im Wald. Der Wald heißt „Mattiswald“. Ich habe mir als Kind immer vorgestellt, dass der Wald so aussieht, wie bei uns in Kassel. Deshalb sehen Sie heute dieses Bild vom Reinhardswald, das ich Ihnen mitgebracht habe.

Ronja und Birk entscheiden sich bewusst dagegen, das zu werden, was die Geschichte für sie vorgesehen hatte. Statt Feinde zu sein, werden sie Geschwister und bilden eine Familie, die sie sich selbst ausgesucht haben.

Ronja ist ein Kind, das vom eigenen Vater verstoßen wird, weil es eine Seelenverwandtschaft mit einem Menschen empfindet, mit dem es eigentlich noch nicht mal reden sollte.

Wenn Sie neun Jahre alt sind und merken, dass Sie „anders“ sind, dann lesen Sie das mit „anderen“ Augen. Selbst, wenn Sie noch gar nicht wissen, warum.

Was ich in den Büchern meiner Kindheit und Jugend nicht gefunden habe, waren Figuren wie mich selbst. Da kam kein Junge vor, der sich in einen Jungen verliebt. Kein einziger.

Und ein Kind, das sich nirgendwo wiederfindet, zieht daraus einen sehr einfachen Schluss: Mich gibt es nicht. Ich bin nicht vorgesehen, so wie ich bin.

Ronja Räubertochter hat mir gezeigt, dass es mehr als eine Art gibt, zu leben und zu lieben, Familie zu sein und „richtig“ zu sein.

Bücher wie dieses machen Mut, die eigenen Ängste zu überwinden und über den eigenen Höllenschlund zu springen.

Deshalb steht unser Hessischer Gemeinschaftsstand hier auf der Buchmesse in diesem Jahr unter dem Motto „Hessen – quer / queer gelesen“. Wir zeigen die Vielfalt der Literatur und in unserem Land.

Darüber hinaus hat unser Ministerium ein Stipendium ausgeschrieben. Das „Buntstift-Stipendium“ unterstützt die Entstehung eines queeren Kinder- oder Jugendbuchs.

Wir setzen damit ein Zeichen! Gerade in einer Zeit, in der vieles, was wir erreicht haben, von Einigen wieder in Frage gestellt wird.

In anderen Ländern sind Bücher über queere Kinder, über Rassismus, oder über Familien, die nicht dem „traditionellen Bild“ entsprechen, sogar schon aus Bibliotheken verbannt worden.

Es gibt in unserem Land wieder starke politische Kräfte, die sehr genau wissen, welche Lebensformen sie für „normal“ halten und welche nicht.

Der Riss geht heute wieder mitten durch unsere Gesellschaft, manchmal mitten durch Familien. Bücher können diesen „Höllenschlund“ nicht schließen. Aber sie können Mut machen! Mut machen, über ihn zu springen.

Denn Literatur kann die Welt nicht alleine verändern. Aber sie kann die Sichtweise eines Menschen erweitern.

Lassen Sie uns nicht nur gemeinsam über die gesellschaftlichen Gräben springen. Lassen Sie uns alles dafür tun, dass diese Gräben schmaler und kleiner werden.

Dazu leisten Literatur, das Wort und die Frankfurter Buchmesse einen wichtigen Beitrag!

Vielen Dank.

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