Gruppenbild mit Staatssekretär Degen und den Ottilie-Roederstein-Stipendiatinnen 2026

Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur

Ottilie-Roederstein-Stipendien an sieben Künstlerinnen vergeben

Kulturstaatssekretär Christoph Degen überreicht Urkunden im Roederstein-Haus

Wiesbaden. Kulturstaatssekretär Christoph Degen hat heute Ottilie-Roederstein-Stipendien an sieben Künstlerinnen überreicht – und die Schwerpunkte der aktuellen Runde unterstrichen: Gefördert werden zum einen aufstrebende Nachwuchskünstlerinnen, zum anderen Künstlerinnen, die Arbeit und Verpflichtungen wie Pflege oder Kinderbetreuung vereinbaren müssen. Die feierliche Urkundenübergabe an die Frauen aus Frankfurt, Offenbach und Kassel fand im ehemaligen Wohnhaus der Malerin Ottilie W. Roederstein in Hofheim im Main-Taunus-Kreis statt.

Beeindruckende künstlerische Vielfalt

„Mit unseren Ottilie-Roederstein-Stipendien ermöglichen wir Frauen am Anfang ihrer Karriere und in schwierigen Lebenssituationen, Kunst und Kultur zu schaffen. Denn noch immer sind professionelle Künstlerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig präsent – obwohl mehr als die Hälfte der Studierenden an den hessischen Kunsthochschulen Frauen sind“, so Kulturstaatssekretär Christoph Degen. „An der diesjährigen Auswahl beeindruckt mich besonders die Vielfalt: Sieben Künstlerinnen mit unterschiedlichen Herkünften und Kontexten thematisieren Krieg und Widerstand, aber auch persönliche Schicksale wie Demenz in der Familie und Neurodiversität. Genau diese Teilhabe und Vielseitigkeit wollen wir mit dem Stipendium sichtbar machen. Ich gratuliere den Künstlerinnen herzlich und bin gespannt auf die Ergebnisse ihrer Arbeit.“

Fokus auf den Nachwuchs

In diesem Jahr hat die Jury keine Hauptstipendien vergeben, sondern sich auf die Nachwuchsförderung fokussiert. Die Nachwuchsstipendien unterstützen junge Künstlerinnen, die in Hessen studieren oder studiert haben, hier leben und ihr Projekt in Hessen verwirklichen. Sie sind mit jeweils 20.000 Euro dotiert, hinzu kommen bis zu 10.000 Euro Projektmittel für die Umsetzung des Vorhabens.

Trägerinnen der Nachwuchsstipendien:

Katja Cheraneva aus Frankfurt untersucht in „A Theatre Act at the End of the World“, wie Propaganda theatralische Mittel vereinnahmt, um Krieg in ein Spektakel zu verwandeln. Ausgehend von der russischen Kriegspropaganda fragt die russische Staatsbürgerin, die seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, wie Performance der Ästhetisierung von Gewalt etwas entgegensetzen kann, ohne fremdes Leid zu vereinnahmen. Die kritische Schärfe und die choreografische Eigenständigkeit dieses Vorhabens haben die Jury überzeugt.

Anima Goyal aus Frankfurt nähert sich in „{ in place of pain }“ dem chronischen Schmerz aus einer künstlerischen und poetischen Perspektive. Sie sammelt Wörter für Schmerz in verschiedenen Sprachen und führt Interviews mit Frauen, die als Patientinnen oder Pflegerinnen Erfahrungen mit Krankheit gemacht haben. Aus Papier und Wildseidenfasern schafft sie tastbare „Schmerz-Objekte“ und eine Installation. Dass dieses Projekt eine Sprache für etwas findet, das die Medizin oft nicht zu erfassen vermag, hat die Jury überzeugt.

Alyona Volkova aus Frankfurt entwirft in „Garden Among the Flames“ das Bild eines Gartens inmitten der Flammen – eines inneren Rückzugsraums, der Wachstum unter Bedingungen von Krieg und Unsicherheit ermöglicht. In einem Film und einer skulpturalen Installation verbindet sie Traditionen mit Bewegungen in der Wüste und altarabischer Dichtung. Vor dem Hintergrund ihrer Herkunft aus dem heute vom Krieg gezeichneten Odessa gewinnt dieses Werk eine zutiefst persönliche Tiefe, so die Jury.

Zusätzlich vergibt das Land Hessen vier Arbeitsstipendien im Gesamtwert von 20.000 Euro. Sie richten sich an hessische Künstlerinnen, die sich in einer besonderen familiären Belastungssituation befinden. Dazu gehören zum Beispiel die Erziehung eines Kindes unter zwölf Jahren oder Pflegearbeit. Während des Arbeitsstipendiums muss an einem Projekt gearbeitet werden.

Christoph Degen schaut sich im Roederstein-Haus um

Trägerinnen der Arbeitsstipendien:

Silke Körber (Kassel) untersucht in „Frequenzen der Einheit" anhand historischer Radiobeiträge, wie die öffentlich-rechtlichen Medien zwischen 1989 und 1994 über rechte und rassistische Gewalt berichteten. Mit Sprachpartituren und einem hörbaren „Protokoll der Auslassung" spürt sie dabei auch dem Überhörten, dem Widerspruch und der Solidarität nach. Linda Luv (Offenbach) deutet in „Manifest Against Productivity" alltägliche Fehlleistungen nicht als Defizit, sondern als Widerstand, und überführt neurodivergente Lebenswirklichkeiten in textile Objekte und eine multimediale Installation. Hiroko Takahashi (Frankfurt) arbeitet an einem Gedichtband, der gesellschaftspolitische, historische und ökologische Fragen in Poesie umwandelt. Gemeinsam mit einer Illustratorin sollen die Texte für eine Veröffentlichung verdichtet werden. Sarita Dey (Frankfurt) realisiertgemeinsam mit ihrer an Demenz erkrankten Mutter ein Mutter-Tochter-Projekt gegen das Vergessen. Grundlage bilden die Reiseberichte, die ihre Mutter einst als Fotografin verfasst hat.

Wer war Ottilie Roederstein?

Ottilie Wilhelmine Roederstein (1859-1937) war eine erfolgreiche Porträtmalerin und Zeichnerin. Sie lebte und arbeitete unter anderem in Frankfurt am Main und Hofheim am Taunus. Roederstein setzte sich gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dr. Elisabeth Winterhalter, der ersten deutschen Chirurgin, für die Gleichberechtigung der Frau ein. So eröffnete sie ein Lehr-Atelier, das ausschließlich Schülerinnen aufnahm.

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