Jurybegründung:
Katharina Rivilis gelingt mit ihrem Debüt ein Film, der uns vom ersten Bild an in seinen Bann zieht und weit über den Abspann hinaus nachwirkt. Sie folgt der 16-jährigen Franny, die 2001 als Austauschschülerin nach New Mexico kommt und im Schatten des 11. September nach Nähe, Freiheit und Zugehörigkeit sucht. Persönliche Erinnerung, historische Zäsur und jugendliche Sehnsucht verschmelzen zu einem Kinoerlebnis von großer sinnlicher Kraft. Nicht ohne Grund feierte die internationale Kritik den Cannes-Beitrag als Entdeckung und rückte ihn in die Nähe des Roadmovie-Klassikers „Paris, Texas“ von Wim Wenders. Rivilis erzählt klar und stilsicher von Einsamkeit und Identitätssuche. Giulia Schelhas’ grandiose Kamera lässt Hitze, Staub, Haut und Weite förmlich spürbar werden. Sattes Blau und Orange, flirrendes Gegenlicht und magische Dämmerungsbilder verwandeln die Wüste in einen fremden Planeten. Dem stehen Frannys grobkörnige Camcorder-Aufnahmen gegenüber: unmittelbare Splitter eines Lebens, das schon im Moment des Erlebens zur Erinnerung wird. Präzise Zeitdetails, der kluge Soundtrack und ein sicherer Rhythmus vollenden diese traumwandlerische Welt. Und dann ist da ein Hauptcast, den man so schnell nicht vergisst. Drei Jahre suchte Rivilis, bis sie mit Naomi Cosma und David Flores zwei außergewöhnliche junge Laiendarsteller fand. Cosma ist eine Offenbarung: uneitel, eigensinnig, verletzlich und vollkommen unverstellt. Gemeinsam mit Flores macht sie jeden Blick, jedes Schweigen und jede vorsichtige Berührung wahrhaftig. „I’ll Be Gone in June“ ist ein strahlendes Juwel voller Zärtlichkeit, Witz und stiller Wucht – ein Film, der nicht nur von Erinnerung erzählt, sondern selbst zu einer wird.