Begründung:
Das zum 3. Mal ermittelnde Duo des Frankfurter Tatorts, beeindruckend gespielt von Melika Foroutan und Edin Hasanovic, widmet sich im Keller seines Dezernats sogenannten Cold Cases und liefert dabei weit mehr als gute Fernsehunterhaltung. Die beiden tasten die Bruchstellen einer Gesellschaft ab, besonders im Tatort “Fackel”, in dem die Ursache eines katastrophalen Hochhausbrandes vertuscht werden soll. Azadi und Kulina sind gegensätzliche Figuren mit gemeinsamer Erfahrungen von Ausgrenzung - sie hat, wie Foroutan, iranische, er, wie Hasanović, bosnische Wurzeln. Bei ihren Ermittlungen scheinen vielschichtige Erfahrungswelten durch, die im Tatort selten so authentisch erzählt wurden.
Edin Hasanovics Kommissar Hamza Kulina begegnet dem Kampf der Opferfamilien des Brandes so einfühlsam, weil seine eigene Biografie von Marginalisierungserfahrungen geprägt, er selbst in der betroffenen Hochhaussiedlung aufgewachsen ist: In einer Welt, die immer wieder strukturellem Rassismus ausgesetzt ist. Hasanovic gibt keinen harten Ermittler, sondern einen leise Fragenden, und das so selbstverständlich, dass das Publikum vergisst, dass er diese Rolle „spielt“. Mal legt er die eigene Geschichte als Last in die Stimme, mal pusht sie ihn, über sich selbst hinauszuwachsen. Dass er mit seinem Figurennamen an Hamza Kurtović erinnert, eines der Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau 2020, verweist auf die Perspektiven, die der Frankfurter Tatort seinem Publikum eröffnet.
Auch Melika Foroutans Kriminalistin Maryam Azadi lässt erahnen, dass sich ihre Widerstandsfähigkeit aus selbst Erlebtem speist. Im harten Halogenlicht des Archivkellers steht sie mit analytischer Brillanz und aufgeräumtem Blick vor dem Chaos der oft erstmal ins Leere führenden Cold-Case-Ermittlungen. Von der Führungsebene ihres Kommissariats erfährt sie wenig Rückhalt, mehr Skepsis ihrem Vorgehen gegenüber - eine der Hürden, von denen sie sich nicht einschüchtern lässt. Fälle zu lösen, die andere aufgegeben haben - eine Mission, der Foroutan überzeugend nachgeht. Dabei changiert die Schauspielerin zwischen kühler Scharfsinnigkeit und großer Empathie, zeigt viel Gespür, etwa, wenn sie in „Fackel“ das Vertrauen einer urhessischen Wirtsfamilie gewinnt, damit die ihr alte Videoüberwachungsaufnahmen zeigt.
Ein Tatort-Duo, das inmitten sehr komplexer Fälle an Menschlichkeit appelliert und gesellschaftlich hoch relevante Diskurse anstößt.