Die aktuellen Diskussionen über Kürzungen im Forschungsprogramm „Horizont Europa“ senden das falsche Signal. Jeder Euro, der heute in Wissenschaft fließt, stärkt morgen Europas Innovationskraft, seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und seine technologische Unabhängigkeit.
Das jüngste Treffen von sechs EU-Regierungschefs in Berlin, die im künftigen EU-Haushalt „um mehrere Hundert Mrd. Euro“ den Rotstift ansetzen möchten, ist für die anstehenden Verhandlungen fatal. Die geforderte Rasenmäher-Methode, die auf Kürzungen querbeet über alle Haushaltsrubriken hinausliefe, würde das Potenzial der EU als Investitionsmotor ausbremsen. Dabei zeigen Analysen, dass EU-Gelder, die in die Forschung fließen, sehr positive wirtschaftliche Effekte entfalten.
Kluge Investitionen der EU in Hochschulallianzen können hingegen insbesondere auch Europas Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig stärken: als transnationale Hochschulverbünde haben sie das Potenzial, Kooperationen der Hochschulen mit Unternehmen auf ein neues Level zu heben und in Clustern starke Innovationsimpulse zu bieten.
Das Potenzial ist immens: die Entwicklung von Innovationen und Transfer hin zum Markt, eine exzellente Ausbildung internationaler und mehrsprachiger Fachkräfte, die Stärkung des Unternehmergeists und die Nähe zur Praxis. Genau diesen Schwung braucht Europa jetzt. Erste Allianzen auf diesem vielversprechenden Weg sind zum Beispiel EUt+ und E³UDRES². Dabei dürfen wir Innovation nicht allein technisch verstehen. Europas Stärke beruht ebenso auf seinen demokratischen Institutionen, seiner wissenschaftlichen Freiheit und seiner Fähigkeit, gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Deshalb gehören auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zu einer starken europäischen Forschungslandschaft – dieser Eckfeiler sollte auch weiterhin eine starke Komponente der deutschen und französischen Forschungspolitik sein.
Gerade die Demokratieforschung gewinnt angesichts von Desinformation, Polarisierung und geopolitischen Spannungen an Bedeutung. Europäische Hochschulallianzen können hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten. Die Allianz EUPeace unter der Leitung der Philipps-Universität Marburg in Kooperation mit der Universität Limoges und weiteren Partnern zeigt, wie deutsch-französische und europäische Zusammenarbeit im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und inklusive Gesellschaften neue Antworten auf aktuelle Herausforderungen entwickelt. Beteiligt sind EU-Partnerländern wie etwa Bosnien und Herzegowina, Kosovo und der Türkei.
Deshalb sollte der kommende Mehrjährige Finanzrahmen die Hochschulallianzen gezielt stärken, auch über das Programm Erasmus+ hinaus. Insbesondere die Forschungsdimension der Allianzen muss weiterentwickelt werden. Horizont Europa sollte hierfür spezielle Förderanreize bieten. Um regionale Innovationsökosysteme mit Allianzen und Unternehmen voranzubringen, sollte der neue ECF-Fonds für Wettbewerbsfähigkeit wichtige Förderimpulse setzen.
Deutschland und Frankreich können hierfür gemeinsam den Takt vorgeben. Beide Länder verfügen über leistungsfähige Hochschulsysteme, starke Forschungslandschaften und die politische Erfahrung, die europäische Integration mit den EU-Partnern voranzubringen. Die regelmäßigen Treffen der Deutsch-Französischen Freundschaftsgruppen des Bundesrats und des französischen Senats schaffen einen wichtigen Raum für die Entwicklung neuer, gemeinsamer Impulse der deutschen Bundesländer und der französischen Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Zusammen können wir ein deutliches Signal nach Brüssel senden: Wissenschaft und Hochschulen gehören ins Zentrum der europäischen Zukunftsstrategie.
Timon Gremmels ist Hessischer Minister für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie Mitglied des Bundesrates und der Deutsch-Französischen Freundschaftsgruppe des Bundesrates.
Ronan Le Gleut ist Senator für Auslandsfranzosen und Vorsitzender der Französisch-Deutschen Freundschaftsgruppe des französischen Senats.