Wiesbaden. Familiär, im kleinen Rahmen – und doch mit großer Botschaft: Hessen ist ein modernes Film- und Kinoland und kann auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurückblicken. Zur Verleihung des 37. Hessischen Film- und Kinopreises hat Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels heute Jurymitglieder, Nominierte und Preisträgerinnen und Preisträger aus der Film- und Kinobranche begrüßt. Die Preisverleihung fand im Kino des Deutschen Filminstituts & Filmmuseums Frankfurt statt. Auf eine Gala wurde in diesem Jahr verzichtet, um die Preisgelder und Filmförderung ohne Kürzungen erhalten zu können.
„Heute Abend geht es um die Menschen, die Filme machen, Filme zeigen und um alles, was zwischen der ersten Idee und dem fertigen Film liegt. Herzlichen Glückwunsch an alle Preisträgerinnen und Preisträger!“, so Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels. „Hessen Film & Medien konnte in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen mit vielen Erfolgen unterstreichen. Auf der Berlinale waren sechs geförderte Produktionen vertreten – so viele wie nie zuvor. Bei den Filmfestspielen in Cannes lief erstmals ein von Hessen Film & Medien geförderter Film im Wettbewerb. Es wurde viel in Hessen gedreht, zum Beispiel die zweite Staffel der Frankfurter Serie ,Die Zweiflers‘. Wir fördern neue Stimmen und erfahrene Filmschaffende, wir ermöglichen anspruchsvolle Projekte und unsere Filme werden international gesehen. Gleichzeitig investieren wir weiter in eine lebendige Kinolandschaft. Im nächsten Jahr wollen wir den Hessischen Film- und Kinopreis wieder größer feiern. Er ist bunt, hat viele Partner und Verbündete. Wir brauchen mehr denn je Orte für ein solidarisches Miteinander – nicht nur in der Kunst und Kultur, sondern in der ganzen Gesellschaft.“
Als bester Spielfilm wurde „I’ll be gone in June“ von Katharina Rivilis ausgezeichnet, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere feierte. Katharina Rivilis folgt der 16-jährigen Franny, die 2001 als Austauschschülerin nach New Mexico kommt und im Schatten des 11. Septembers nach Nähe, Freiheit und Zugehörigkeit sucht. „Persönliche Erinnerung, historische Zäsur und jugendliche Sehnsucht verschmelzen zu einem Kinoerlebnis von großer sinnlicher Kraft“, so die Jury. Das Preisgeld beträgt 15.000 Euro.
Nominiert als bester Spielfilm waren außerdem „A sad and beautiful world“ von Cyril Aris und „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski.
Der Preis für den besten Dokumentarfilm ging an „Sieben Kreise der Hölle“ von Andrzej Klamt. Darin verdeutlicht der Regisseur eindrücklich und erschütternd die grausame Realität des Ukraine-Krieges. Die Wahl des Filmtitels spielt auf Dantes Verständnis der Hölle an: Sie ist ein Spiegel menschlicher Entscheidungen und ihrer Folgen. „Der Film kommt seinen Protagonisten nah, ohne sie jemals auszustellen. Entstanden sind kurze Portraits über Menschen, denen der Krieg alles genommen hat“, begründet die Jury. Das Preisgeld beträgt 15.000 Euro.
Nominiert als bester Dokumentarfilm waren außerdem „Haus 4“ von Philipp Schaeffer und „10s Across the Borders (The Beauty of Ballroom)“ von Sze-Wei Chan.
In der Kategorie Bestes Drehbuch siegte „Brennende Haut“ von Behrooz Karamizade und Sanaz Ghotb. Die politischen und gesellschaftlichen Strukturen im Iran bilden den äußeren Konflikt der Geschichte. Maryams Vater wird verhaftet. Um ihre Familie zu retten, versucht Maryam, die zwielichtigen Geschäfte ihres Vaters zu übernehmen. „Mit großer Direktheit, handwerklicher Sicherheit und einem mutigen, schonungslosen Ende erzählt ,Brennende Haut‘ eine eindringliche Geschichte über Familie, Überleben und den Kampf eines Individuums in einem erdrückenden politischen System“, heißt es in der Jurybegründung. Das Preisgeld beträgt 5.000 Euro.
Nominiert als bestes Drehbuch waren außerdem „Die Bären sind geblieben“ von Nur Muhammed Tarhan und „Prinzessin frisst Löwe“ von Friederike Holtz.
In der Kategorie Bester Kurzfilm siegte „Bleifrei 95“ von Emma Hütt und Tina Muffler. Der Film erzählt von drei Freundinnen Mitte zwanzig, die am Ort ihrer Jugend wieder aufeinandertreffen. Zwischen Tankstellen-Cruising, Autobahnen und der ältesten Lesbenbar der Welt müssen sie ihre Freundschaft neu verhandeln. „Mit starker Handschrift schont sich hier keiner – die Spielenden gehen an ihre Grenzen, die visuellen Einfälle überraschen genauso wie Tempo und Wendungen der Geschichte. Eine Tour de Force, die Spaß macht, und wie es sich für ein spannendes Rennen gehört, aufregend bleibt bis zum Schluss“, heißt es im Jurytext. Das Preisgeld beträgt 5.000 Euro.
Nominiert als bester Kurzfilm waren außerdem „Hinterland“ von Catrine Val und „Strangers with hats“ von Petra Stipetić und Karolin Twiddy.
Als bester Hochschulabschlussfilm wurde „Blut und Wasser“ von Nathalie Linke und Johanna Best (Hochschule Darmstadt) ausgezeichnet. Der Film zeigt das Leben einer jungen Frau, die lebensfroh und unabhängig scheint. Dieses Bild wird jedoch erschüttert, als sie nach einem Notruf zu ihrer Familie fährt. Schnell fällt sie in alte Muster zurück und fühlt sich für das Wohl ihrer ganzen Familie verantwortlich. Doch wo beginnt die Suche nach dem eigenen, dem unabhängigen Leben? „Mit einer klaren Sicht auf das System Familie und auf die Krankheit Depression erzählt der Film, wie schwer es sein kann, Aufopferung von Verantwortung und Liebe von Ausnutzung zu trennen“, so die Jury. Das Preisgeld beträgt 5.000 Euro.
Nominiert als bester Hochschulabschlussfilm waren außerdem „Nijigen Confinement“ von Zirui Chen (Kunsthochschule Kassel) und „Ob Du dasselbe für mich fühlst“ von Janek Adelhelm (Hochschule Darmstadt).
Der Newcomer-Preis
Der mit 5.000 Euro dotierte Newcomer-Preis, über dessen Vergabe der Kunst- und Kulturminister entscheidet, geht an den Regisseur und Drehbuchautor Joscha Bongard aus Kassel. Damit wird ein Filmemacher ausgezeichnet, der gerade mit großer Geschwindigkeit auch international auf sich aufmerksam macht.
„Joscha Bongard konnte mit seinem Abschluss- und Debütfilm ,Babystar‘ in Toronto auf einem der wichtigsten Filmfestivals Nordamerikas Weltpremiere feiern. Er wird seitdem auf Festivals auf der ganzen Welt gezeigt und begeistert aufgenommen. Der Film zeigt eine Influencer-Familie und setzt sich künstlerisch mit diesem gesellschaftlich und politisch relevanten Thema auseinander. Joscha Bongard behandelt in seiner scharf analysierenden Mediensatire Fragen, die uns gesellschaftlich und zunehmend auch politisch beschäftigen: Wie viel Öffentlichkeit verträgt Kindheit? Und welche Verantwortung tragen Eltern, Plattformen und letztlich auch wir als Gesellschaft? Joscha Bongard steht exemplarisch für das überaus kreative Spektrum des Filmschaffens aus Hessen“, begründet Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels seine Entscheidung.
Der Hessische Kinopreis
Der Hessische Kinopreis ist, wie im Vorjahr, mit insgesamt 215.000 Euro dotiert. Er geht an 21 gewerbliche Kinos und zehn nicht-gewerbliche Kinos. Mit den Hauptpreisen und jeweils 20.000 Euro werden das Kino Traumstern in Lich und das Mal Seh’n Kino in Frankfurt ausgezeichnet. Das Harmonie Kino in Frankfurt erhält den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis der Kino-Jury für sein herausragendes Engagement in der Publikumsansprache.
Kinopreis
QMS RESPECT Award
Der QMS RESPECT Award geht an Karin Hanczewski und Godehard Giese. Sie initiierten 2021 die Coming-out Aktion #ActOut, mit der 185 Schauspielerinnen und Schauspieler sich als schwul, lesbisch, bi, queer, nicht-binär und trans outeten und verschlossene Türen in Sendern und Theatern kritisierten. Mit dem QMS RESPECT Award zeichnet die Queer Media Society (QMS) Personen aus, die sich für queere Sichtbarkeit in der Filmbranche einsetzen. Der Preis wurde auf Initiative von Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels 2025 erstmals vergeben und ist nicht dotiert.
„Sichtbarkeit – das war das Signal, das 185 Schauspieler*innen vor nunmehr fünf Jahren sendeten. Unter dem Label #ActOut schilderten sie den beruflichen Druck, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität zu verschweigen und forderten ein Ende der Diskriminierung. Es darf nicht sein, dass Besetzbarkeit abhängig ist von der persönlichen Identität. Die Veröffentlichung war über Monate mit Unterstützung der QMS gemeinsam mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vorbereitet worden und entfachte eine Resonanz, die weit über die Schauspielbranche reichte. Die lange Zeit der Planung zeigte auch, wie stark die Ressentiments in der Schauspielbranche verwurzelt waren und dass diese endlich aufgebrochen wurden. Die besondere Leistung von Karin Hanczewski und Godehard Giese liegt in der Verbindung von persönlichem Risiko und strukturellem Engagement. Beide waren zum Zeitpunkt der Aktion etablierte Schauspieler*innen und nutzten ihre Sichtbarkeit, um die gesellschaftliche Debatte über Casting, Repräsentation und Entscheidungsstrukturen anzustoßen. Eine Debatte, die nichts an Aktualität eingebüßt hat“, lautet die Jurybegründung.
Die Queer Media Society ist eine ehrenamtlich organisierte, aktivistische Initiative queerer Medienschaffender. Sie engagiert sich für gesellschaftliche Offenheit und Akzeptanz und setzt sich für Sichtbarkeit und Repräsentanz queerer Menschen und Inhalte in den Medien ein.
Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption
Die Frankfurter Buchmesse vergibt den „Preis der Frankfurter Buchmesse für die beste Adaption“. In diesem Jahr wird der Film „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“ ausgezeichnet. Regisseur und Drehbuchautor ist Volker Schlöndorff. Die Geschichte basiert auf Jenny Erpenbecks gleichnamigem Roman von 2007.
„Heimsuchung ist eine Adaption, die Geschichte nicht erklärt, sondern erfahrbar macht. Volker Schlöndorff verfilmt Jenny Erpenbecks Bestseller mit großer Klarheit: Ein Haus an einem märkischen See wird zum Mittelpunkt – und zum Spiegel eines ganzen Jahrhunderts. Der Film zeigt, wie politische Umbrüche in den Alltag eindringen: in Familien, Beziehungen, Körper und Entscheidungen. Über die wechselnden Bewohner*innen verdichten sich Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Krieg, DDR und Wende nicht zur bloßen Chronik, sondern zu prägenden Erfahrungen von Verlust, Vertreibung, Schweigen und Neubeginn. So entsteht ein präzises Panorama von Schicksalen, in dem Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit immer wieder neu verhandelt werden. Volker Schlöndorff arbeitet mit einer ruhigen, zurückgenommenen Bildsprache. Landschaft und Jahreszeiten stehen nicht für Idylle, sondern bilden den Hintergrund, vor dem die Brüche der Biografien sichtbar werden. Die Natur bleibt, während Menschen verschwinden und neue Geschichten beginnen. Das überzeugende Ensemble verleiht den Figuren eine große Präsenz. ‚Heimsuchung‘ ist damit ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Literaturadaption. Der Film bewahrt die Genauigkeit und Haltung der Vorlage – und findet Bilder für das, was zwischen den Zeilen liegt: das Verdrängte, das Mitgeschleppte, das Wiederkehrende“, begründet Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, seine Entscheidung.
Der undotierte Preis zeichnet Literaturadaptionen aus, denen es in besonderer Weise gelingt, einen literarischen Stoff originell, eigenständig und dennoch nah an der Vorlage visuell umzusetzen. Die Auswahl erfolgt als „Director’s Choice“.
Schauspielpreis des Hessischen Rundfunks
Der Hessische Rundfunk verleiht den „Schauspielpreis des Hessischen Rundfunks“. Er geht an das neue Ermittlerduo des HR-Tatorts, Melika Foroutan und Edin Hasanovic, die seit Herbst 2025 in Frankfurt ermitteln. „Melika Foroutan und Edin Hasanovic tasten als neues Frankfurter Tatort-Duo auf beeindruckende Weise die Bruchstellen einer Gesellschaft ab, besonders im Tatort ,Fackel‘, in dem die Ursache eines katastrophalen Hochhausbrandes vertuscht werden soll. Azadi und Kulina sind gegensätzliche Figuren mit gemeinsamen Erfahrungen von Ausgrenzung – sie hat, wie Foroutan, iranische, er, wie Hasanovic, bosnische Wurzeln. Bei ihren Ermittlungen scheinen komplexe Erfahrungswelten durch, die im Tatort selten so authentisch erzählt wurden“, heißt es in der Jurybegründung.
Die ausgezeichneten Kinos
Nicht-gewerbliche Kinos
| Spielstätte | Preisgeld |
| Kino des DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt | 6.000 Euro |
| Pupille – Kino in der Uni, Frankfurt | 6.000 Euro |
| Kommunales Kino Weiterstadt | 6.000 Euro |
| Filmforum Höchst | 5.500 Euro |
| Murnau-Filmtheater, Wiesbaden | 5.000 Euro |
| Studentischer Filmkreis an der TU Darmstadt | 2.500 Euro |
| Caligari FilmBühne, Wiesbaden | 2.500 Euro |
| Eschborn K | 1.500 Euro |
| KiezKino, Kassel | 1.500 Euro |
| naxos.Kino - Dokumentarfilm & Gespräch, Frankfurt | 1.500 Euro |
| Gesamt | 38.000 Euro |
Gewerbliche Kinos
| Spielstätte | Preisgeld |
| Mal seh'n Kino, Frankfurt | 20.000 Euro |
| Kino Traumstern, Lich | 20.000 Euro |
| Harmonie, Frankfurt | 17.500 Euro |
| Harmonie, Frankfurt, SONDERPREIS | 5.000 Euro |
| Filmladen Kassel | 15.000 Euro |
| BALi-Kinos, Kassel | 11.000 Euro |
| Lichtspielhaus Lauterbach | 11.000 Euro |
| Capitol Kino Witzenhausen | 9.000 Euro |
| Cinéma, Frankfurt | 8.500 Euro |
| Capitol Filmkunsttheater Marburg | 8.000 Euro |
| CasaBlanca Art House, Bad Soden am Taunus | 7.500 Euro |
| FilmBühne Bad Nauheim | 6.500 Euro |
| Eldorado, Frankfurt | 5.000 Euro |
| Lichtburg Filmtheater, Langen | 4.500 Euro |
| Kronberger Lichtspiele | 4.500 Euro |
| Gloria Kino, Kassel | 4.000 Euro |
| programmkino rex, Darmstadt | 4.000 Euro |
| Filmklubb Offenbach | 4.000 Euro |
| Saalbau Lichtspiele, Heppenheim | 3.000 Euro |
| Cinema Kino Wolfhagen | 3.000 Euro |
| Bambi & Camera, Bad Schwalbach | 3.000 Euro |
| Butzbacher Filmtheater | 3.000 Euro |
| Gesamt | 177.000 Euro |
Kerstin Scheidecker
Pressesprecherin
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