Meine Damen und Herren,
liebe Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler,
wenn wir über die Zukunft der Wissenschaft und über die Freiheit von Forschung und Lehre sprechen, denken wir häufig zuerst an die individuelle Freiheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: an die Freiheit, Fragen zu stellen, Hypothesen zu entwickeln und Forschungsergebnisse unabhängig von politischen oder wirtschaftlichen Interessen zu vertreten.
Diese individuelle Freiheit ist aber nicht selbstverständlich: Wissenschaftsfreiheit braucht rechtlichen Schutz…
- Sie braucht starke Institutionen
- und eine Politik, die beides verlässlich achtet.
Für mich sind deshalb drei Dinge entscheidend:
- Individuelle wissenschaftliche Freiheit, institutionelle Autonomie und gute Governance.
Beginnen wir mit der institutionellen Autonomie.
Hochschulen müssen in der Lage sein, ihre wissenschaftlichen Prioritäten selbst zu setzen, über ihre Ressourcen zu entscheiden und ihr Personal eigenständig auszuwählen. Nur wenn wissenschaftliche Einrichtungen über ausreichende finanzielle und strukturelle Eigenständigkeit verfügen, können sie ihre Kernaufgabe erfüllen: Forschung und Lehre frei von kurzfristigen politischen oder anderen externen Interessen zu organisieren.
Aber Autonomie allein reicht nicht.
Entscheidend ist auch, wie diese Autonomie innerhalb der Hochschule organisiert und ausgeübt wird.
Eine Hochschule ist dann wissenschaftlich autonom, wenn wissenschaftsrelevante Entscheidungen auch tatsächlich von der Wissenschaft geprägt werden. Deshalb kommt der Governance eine zentrale Bedeutung zu.
- In Deutschland haben wir dafür ein Prinzip, das ich für sehr wertvoll halte: Bei grundlegenden Entscheidungen in Forschung und Lehre haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den akademischen Gremien eine starke, vielfach mehrheitliche Stellung.
- Das schützt die Wissenschaft davor, dass Entscheidungen über Forschungsinhalte oder wissenschaftliche Standards allein nach administrativen, politischen oder wirtschaftlichen Kriterien getroffen werden.
Gute Governance bedeutet aber zugleich klare Regeln und Transparenz. Das gilt insbesondere dort, wo Wissenschaft und externe Interessen aufeinandertreffen: bei Drittmitteln, Kooperationen, Nebentätigkeiten oder möglichen Interessenkonflikten.
Wissenschaftliche Autonomie bedeutet nicht, dass es keine Regeln gibt.
- Im Gegenteil: Klare und transparente Regeln sind eine Voraussetzung dafür, dass wissenschaftliche Freiheit glaubwürdig geschützt werden kann.
Und damit komme ich zu einem Punkt, der mir ebenso wie uns allen, die wir uns hier heute mit Ihnen austauschen, besonders wichtig ist: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in frühen Karrierephasen.
- Wissenschaftsfreiheit ist für eine Professorin mit einer unbefristeten Stelle etwas anderes als für eine Doktorandin, einen Postdoc oder einen Juniorprofessor, dessen Vertrag in wenigen Monaten ausläuft.
- Wer in hohem Maße von einer einzelnen Person oder von einer kurzfristigen Vertragsentscheidung abhängig ist, kann seine wissenschaftliche Unabhängigkeit möglicherweise nicht in gleicher Weise wahrnehmen.
Deshalb ist gute Governance auch eine Frage der Macht- und Abhängigkeitsstrukturen innerhalb der Wissenschaft.
Wir müssen dafür sorgen, dass Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler verlässliche Beschäftigungsperspektiven, transparente Betreuungsstrukturen und klare Verfahren haben. Sie müssen die Möglichkeit haben, wissenschaftlich eigenständig zu arbeiten und auch Positionen zu vertreten, die von der Meinung ihrer Vorgesetzten abweichen.
- Genau hier setzt der hessische Kodex für gute Arbeit an den Hochschulen an. Er schafft Standards für Beschäftigungszeiten, die eine Qualifizierung tatsächlich ermöglichen, für Beratung und Betreuung sowie für berufliche Perspektiven. Hinzu kommen Tenure-Track-Modelle, die bei entsprechender Bewährung eine Perspektive auf eine dauerhafte Beschäftigung eröffnen.
Das sind auf den ersten Blick Fragen der Personalpolitik.
- In Wahrheit sind sie Fragen der Wissenschaftsfreiheit.
Denn wer wissenschaftlich unabhängig sein soll, braucht auch eine gewisse Unabhängigkeit von persönlichen Abhängigkeiten.
Und schließlich brauchen wir auch auf der Ebene des gesamten deutschen Wissenschaftssystems Strukturen, die handlungsfähig und resilient sind. Deshalb haben wir gerade die Governance der gemeinsamen Wissenschaftspolitik weiterentwickelt und Entscheidungsverfahren in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz angepasst.
Das Ziel ist klar: Unser Wissenschaftssystem muss auch in schwierigen Zeiten entscheidungs- und handlungsfähig bleiben.
Wenn wir also über den Schutz der Wissenschaftsfreiheit sprechen, sollten wir nicht nur fragen: Sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler frei?
Wir sollten auch fragen: Sind die Institutionen so organisiert, dass sie diese Freiheit tatsächlich ermöglichen und schützen?
Meine Überzeugung ist: Wissenschaftsfreiheit beginnt beim einzelnen Menschen – aber braucht autonome Institutionen, gute Governance und verlässliche Karrierebedingungen, um dauerhaft wirksam zu sein.
- Gerade für die nächste Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist das entscheidend.
Denn wer erwartet, dass er oder sie mutige Fragen stellt, neue Wege geht und auch unbequeme Ergebnisse vertritt, muss dafür auch die institutionellen Voraussetzungen schaffen.
Freiheit in der Wissenschaft ist deshalb nicht nur ein Recht, das wir garantieren. Sie ist eine Verantwortung, die wir institutionell organisieren müssen.
Vielen Dank