Die Gedenkstätte in der Karlsaue, ein terrassenförmiger Bau

Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Gedenkstätte in der Karlsaue soll „Mahnmal“, nicht mehr „Ehrenmal“ genannt werden

Land legt sich auf Sprachgebrauch fest / Bundeswehr wird keine Gedenkveranstaltungen mehr in der Anlage abhalten

Wiesbaden/Kassel. Die Gedenkstätte für die Gefallenen und Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs in der Kasseler Karlsaue soll im Sprachgebrauch des Landes Hessen und der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) künftig konsequent als „Mahnmal“ und nicht als „Ehrenmal“ bezeichnet werden. Zudem hat das Landeskommando Hessen der Bundeswehr die Leitung der MHK informiert, dass Soldatinnen und Soldaten sowie Reservistinnen und Reservisten der Bundeswehr nicht mehr an Gedenkveranstaltungen an dem Denkmal am Volkstrauertag teilnehmen werden. Der Traditionserlass aus dem Jahr 2018 lasse dies nicht zu, weil dort auch „nicht-traditionswürdige Verbände der Wehrmacht“ aufgeführt sind. Einigen der auf Tafeln in der Anlage genannten Einheiten werden Kriegsverbrechen vorgeworfen. Die Tafel zur Erinnerung an 2. Panzergrenadierdivision der Bundeswehr, die als einzige in der Anlage einem Nachkriegs-Bundeswehrverband gewidmet ist, lässt die Bundeswehr abmontieren; sie soll künftig andernorts in Kassel an einem „würdevollen und zugänglichen Ort“ gezeigt werden.

Erinnerung an Opfer, aber auch Kriegsverbrecher

„Das Denkmal in der Karlsaue wurde seit den 1920er Jahren immer wieder umgebaut, umgedeutet, für politische Zwecke verwendet und beschädigt. Hier wird der zahlreichen Opfer der beiden brutalen Weltkriege, die Deutschland anzettelte, ebenso gedacht wie Einheiten der Wehrmacht, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Seit den 80er Jahren erinnert eine Tafel auch an Deserteure und Kriegsdienstverweigerer zur Zeit des Nationalsozialismus, das ist eine ebenso seltene wie sinnvolle Ehrung“, erläutert Angela Dorn, Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst. „Dagegen verdienen sicher nicht alle Einheiten, an die dieses Denkmal erinnert, eine würdigende Erinnerung. Es eignet sich aber sehr wohl zur Mahnung, denn zur Erinnerungskultur gehört der Diskurs, gehören gleichermaßen Gedenken und Trauer wie das Bewusstsein für die Verbrechen, die in Kriegen begangen wurden. Als Mahnmal steht diese Gedenkstätte symbolisch für die zahlreichen Opfer von Kriegen. In all seiner Widersprüchlichkeit lädt sie dazu ein, über die Geschichte unseres Landes – mit all ihren Brüchen – nachzudenken. Dieses Mahnmal ist ein besonderes prägnantes Beispiel dafür, dass Geschichte nicht nur schwarz und weiß, sondern komplex und vielgestaltig ist. Nur wenn wir aus ihr lernen, können wir eine bessere, eine friedliche Zukunft gestalten.“

„Der ehemals fürstliche Terrassengarten am Rosenhang ist nicht nur Teil des historischen Gartendenkmals Karlsaue, sondern auch eine Gedenkstätte der Trauer um die Toten zweier Weltkriege. In der öffentlichen Wahrnehmung führt die teilweise undeutliche Trennung zwischen der Trauer um Täter und Opfer zu Kontroversen, die immer wieder in Vandalismusanschlägen auf die Anlage gipfeln“, erklärt Prof. Dr. Martin Eberle, Direktor der MHK. „Wir stehen als MHK für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Baudenkmals ein.“

Gebaut in den 1920er Jahren

Die Gedenkstätte wurde in den 1920er Jahren als „Kurhessisches Ehrenmal“ zum Gedenken an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs errichtet und 1928 eingeweiht. Die Skulptur „Der Gefallene“ von Hans Sautter, die die Trauer über die Toten darstellt, wurde im Nationalsozialismus zugeschüttet: Sie passte nicht zur Heldenverehrung der NSDAP, die in Kassel ihre zentralen Reichskriegstage feierte.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Anlage wegen Bombentreffern nicht mehr zugänglich. Völkische und militaristische Formulierungen, die andernorts im Zuge der Entnazifizierung getilgt wurden, verblieben auf den Ehrentafeln und sind dort bis heute zu lesen“, erläutert der Leiter des Hessischen Landesarchivs, Andreas Hedwig. In den 1950er und 1960er Jahren wurden Tafeln militärischer Einheiten der Wehrmacht angebracht, auch solcher ohne Bezug zu Kassel und Hessen. Diese Tafeln wurden bei den Sanierungsarbeiten in den Jahren 2018 bis 2020 nicht restauriert, sondern lediglich gereinigt und gesichert. Während der Sanierungsmaßnahme und nach der Wiedereröffnung kam es mehrfach zu Beschädigungen an der Gedenkstätte.

Einordnender Text angebracht

Bereits im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung ließen das Land Hessen und die Stadt Kassel einen einordnenden Text an der Gedenkstätte anbringen. Auch in diesem wird die Bezeichnung „Ehrenmal“ nun durch „Mahnmal“ ersetzt. Die Museumslandschaft Hessen Kassel hat ferner gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ein Vermittlungskonzept entwickelt und umgesetzt, das unter anderem einen differenzierten Umgang mit dem Mahnmal beinhaltet. Der Volksbund führt regelmäßig Führungen durch.

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